• Clara Schaksmeier

Wer lehren will, muss reisen

Im Rahmen des Z2X-Summit Bildung in Hamburg durfte ich über mein Herzensthema reden. Über den Blick in die Klassenzimmer dieser Welt. Mich haben meine Auslandsaufenthalte sehr geprägt und ich würde mir wünschen, dass mehr (angehende) Lehrkräfte ins Ausland gehen. Warum? Das erfahrt ihr im Folgenden.




Ich während meines Vortrags auf dem Z2X Bildung - credit: Alexander Probst für Zeit-Online


Dass Bildung für viele ein Privileg ist, habe ich in Georgien gelernt. Die Schulen waren karg und nur notdürftig ausgestattet. Teilweise gab es keine Heizungen in den Klassenzimmern. Auf den Gängen saßen alte Damen und beheizten den einzigen kleinen Ofen des Gebäudes. Im Winter wird das Lernen oft zur Grenzerfahrung. Und trotzdem gehen die SchüerInnen gerne zur Schule. Weil Bildung für sie das größte Privileg ist, um etwas in der Gesellschaft zu verändern.





Nach all meinen Reisen in die Klassenzimmer dieser Welt möchte auch ich etwas in der Gesellschaft verändern. Ich war in Kanada, Vietnam, Georgien, Österreich und Indien. Die Auslandserfahrungen haben mich zu tiefst geprägt. Als Lehrerin und persönlich. Deswegen stehe ich hier. Denn am liebsten würde ich die Lehramtsausbildung reformieren. Ich bin der Meinung: Jede Lehrkraft in Deutschland muss sich mindestens einmal aus der Komfortzone begeben haben und im Ausland gewesen sein. Wer lehren will, muss reisen.

Ich wünsche mir noch bessere Förder- und Anrechnungsmöglichkeiten für Auslandsaufenthalte von Lehrämtern. Aber ich wünsche mir auch ein Umdenken in den Köpfen der Lehrkräfte. Denn wir Lehrkräfte müssen Selbstvertrauen haben, uns aus der Komfortzone begeben, die Welt da draußen erleben und verstehen, um sie dann wieder ins Klassenzimmer zu tragen.


Eine Studie des DAAD zur Auslandsmobilität im Studium von 2015 bestätigt mich in meiner Forderung. Nur 29% aller Lehramtsstudierenden geht ins Ausland. Die niedrige Zahl hat strukturelle, aber auch persönliche Gründe. Egal wie man es nimmt, es sind in meinen Augen sind es zu wenige.


Ich bin dankbar und stolz, dass ich zu den 29% gehöre, die ins Ausland gegangen sind. Jede Möglichkeit, die sich ergab, habe ich beim Schopf gepackt. Obwohl ich noch nie Geld hatte und chronisch pleite bin. Das PAD Fremdsprachenassistentenprogramm, das SCHULWÄRTS!-Stipendium des Goethe-Instituts, eine internationale Lehrerbegegnung und ein Erasmus Fachkräfteaustauschprogramm haben mir das Reisen ermöglicht.

Außerhalb des deutschen Klassenzimmers habe ich unfassbar viel gelernt. Ich behaupte, manchmal sogar wichtigeres als in der einen oder anderen Vorlesung.



Denkt mal an ein typisches Klassenzimmer. Wie sieht das für euch aus? Pult, Tische, Stühle, vielleicht ein paar Poster. Dass Lernraumgestaltung jedoch auch anders geht, nicht nur um die didaktische Frage „Gruppentische oder nicht?“ kreisen muss, habe ich in Vietnam erlebt. Dort sind viele Klassenzimmer mit einer Bühne ausgestattet. Die Klassen sind zum Teil so groß, dass die Lehrkraft schnell im Trubel untergeht. Deshalb benutzen viele zusätzlich ein Mikrophon (in unfassbar schlechter Qualität), um sich Gehör zu verschaffen. Dass ich einmal Mikrophon und Bühne in einem Klassenzimmer begegnen werde, damit habe ich nie gerechnet.


Im Referendariat habe ich gelernt, meinen Unterricht minuten-, ja fast sekundengenau zu planen. Fünf Minuten für den Einstieg, dann der Übergang in die Arbeitsphase, das Blätterausteilen darf bloß nicht länger als eine Minute dauern... Ganz ehrlich - in Indien hat mir meine ausgereifte Unterrichtsplanungskompetenz gar nix gebracht. Im Gegenteil. Die ersten Tage hatte ich puren Stress. In der Schule, in der ich in Indien gearbeitet habe, gab es nämlich keine 5-Minutenpausen zwischen den einzelnen Stunden. Die ersten zehn Minuten der Stunde habe ich deswegen damit verbracht, die nach und nach eintrudelnden Schülerinnen und Schüler zu begrüßen, auf alle zu warten und meine so schön geplante Stunde dahinbröckeln zu sehen. Zuerst fiel es mir schwer, davon abzulassen, aber ich habe gelernt, entspannter der Situationen umzugehen. So wurde „Eintrudelzeit“ einfach von mir für lockere Aufwärmspiele und Begrüßungsrituale auf Deutsch genutzt.


In Indien war ich um ehrlich zu sein häufig verwirrt und wusste gar nicht, was genau um mich herum passierte. Alles war laut, bunt, voller Menschen, nie war ich allein, ich fühlte mich oft fremd, missverstanden und manchmal einsam. So, wie sich tausende junge Menschen aus vielen verschiedenen Ländern nun in Deutschland fühlen müssen. Die Fremdheitserfahrung werde ich nie wieder vergessen.


Weil ich mich aus meiner Komfortzone begeben habe, konnte ich meine Perspektive ändern, ich weiß, was ich alles auf mich alleine gestellt stemmen kann, ich bin gelassener geworden und denke meine SchülerInnen mit. Außerdem bin ich zum Vorbild geworden. Ich bin stolz, dass nun 75% meiner Klasse ein Praktikum im Ausland machen. Und ich habe hunderte von Anekdoten über die skurrilsten Momente parat.


Ich will nicht sagen, dass man sich nur beim Reisen fremd fühlen kann, nur in weiter Ferne Selbstvertrauen, Empathie, Gelassenheit und Verständnis erwirbt, nein. Aber ich werte eine Zeit im Ausland als eine Art Entwicklungs-Katalysator. Dieser kann auf Hochtouren laufen, wenn man sich nur aus der Komfortzone traut.


Lasst uns daher in der kurzen Zeit unserer Lehramtsausbildung reisen, um die Welt zu entdecken, sie zu verstehen und ins Klassenzimmer zu tragen. Eine durch kulturelle Vielfalt geprägte Gesellschaft ist auch keine Komfortzone, sie braucht interkulturell ausgebildete, selbstbewusste und empathische Lehrkräfte. Denn wir sind es, die die Gesellschaft von morgen prägen.


Hier könnt ihr meinen Vortrag vom Z2X auch nochmal sehen und hören.

©2019 Clara Schaksmeier