• Clara Schaksmeier

Warum jede (angehende) Lehrkraft DIESEN Test machen sollte

Teststrategien für Schulen – darüber ist überall zu lesen. Auch Lehrkräfte werden in Zeiten von COVID-19 regelmäßig getestet. Das ist gut und wichtig, um Sicherheit zu gewährleisten. Ich fordere jedoch noch einen weiteren Test, für (angehende) Lehrkräfte. Keine Angst, diesen Test muss man nicht in die Nase stecken. Man kann ihn ganz leicht am Rechner durchführen. Die Ergebnisse können dennoch etwas unangenehm sein. Sie gewährleisten aber, wenn sie entsprechend aufgearbeitet werden, auch eine Art der Sicherheit. Nämlich einen sozialen Safe Space.





Der implizierte Assoziationstest


Für mich war der Test, den ich nun für alle Lehrkräfte fordere, augenöffnend. Es ist der IAT, der implizierte Assoziationstest. Ich führte ihn zum ersten Mal vor zwei Jahren als Vorbereitung für einen Workshop zum Thema „Implicit Bias im Lehramt“ durch. Implicit Bias sind unbewusste Wahrnehmungsverzerrungen. Uns Teilnehmenden wurde ein Link zu einer Seite der Universität Harvard geschickt, mit der Bitte, zwei bis drei implizierte-Assoziations-Tests durchzuführen. Dieser wurde 1998 von den Wissenschaftler*innen Anthony Greenwald, Debbie McGhee und Jordan Schwartz entwickelt. Es gibt unter anderem Tests zum Thema Behinderung, Hautfarbe, Gewicht, Geschlechterrollen, Religion oder Alter.


Wie der Name es bereits verrät, misst der Test implizierte, also unterbewusste Assoziationen. Das sind Prägungen und Gedanken, deren wir Menschen uns nicht bewusst sind bzw. es nicht sein wollen. Beim IAT geht es darum, Begriffe Bildern zuzuordnen und das möglichst schnell. Der Test hat zur Grundannahme, dass unser Gehirn aufgrund unserer Sozialisierung bewertende Attribute (z.B. schön, gut, hässlich, gefährlich) mit Konzepten (z.B. Homosexualität, Hautfarbe, Geschlecht) verknüpft hat. Die Forscher*innen nehmen an, dass es uns leichter fällt, die Zuordnung entsprechend unserer Prägung, unserer unbewussten Assoziationen, zu vollziehen. So können unbewusste Verknüpfungen bereits durch kleine Verzögerungen in der Reaktion sichtbar gemacht werden.


Ein schockierendes Ergebnis


Ich ordnete also fleißig und voller Neugier Begriffe verschiedenen Bildern zu. Klick links, klick rechts. Bilder von dicken und dünnen Menschen; Fotos von Menschen mit dunkler Hautfarbe und von weißen Menschen; Icons, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften und heteronormative Beziehungen symbolisierten – und war von meinem Ergebnis schockiert. Ich habe leichte negative Assoziationen gegenüber bestimmten Personengruppen – und das obwohl sie in meinem Freundes- und Bekanntenkreis vertreten sind und ich diese Menschen sehr gern habe. Wie kann das sein?!


Ich suchte Rat bei der Leiterin des Workshops, denn ich war nachhaltig verunsichert. Ich und Vorurteile?! Damit habe ich nie im Leben gerechnet. Sie beruhigte mich und versicherte mir, dass es normal sei, implizierte Assoziationen in verschiedenen Ausprägungen zu haben. Diese dienen der Komplexitätsreduktion und entlasten unseren Zugriff auf die Welt. Sie schützen uns entsprechend vor Überforderung. Kritisch wird es jedoch, wenn Vorurteile starr, negativ und diskriminierend ausgerichtet sind. Gesellschaft und Medien vermitteln uns permanent sehr eindeutige Bilder über bestimmte Gesellschaftsgruppen und Kulturen und schüren entsprechend ausgrenzende Vorurteile und Stereotypisierung. Wir werden quasi von Geburt an darauf programmiert, in Kategorien zu denken und Meinungen gegenüber Personengruppen zu haben, ob wir wollen oder nicht. Wichtig ist, dass diese bewusst gemacht werden.


Annahme und Akzeptanz als erste Schritte zur Veränderung


Wie soll ich nun mit dem Wissen um meine Assoziationen umgehen, fragte ich sie. Sie riet mir dazu, diese zunächst wertfrei anzunehmen und zu akzeptieren. Annahme und Akzeptanz seien die ersten Schritte hin zu einem reflektierten Umgang und einer Veränderung. Als nächstes gilt es, sich selbst und die eigenen Gedanken zu beobachten. Was denke und fühle ich in bestimmten Situationen oder in der Gegenwart bestimmter Menschen? Unterscheidet es sich zu anderen Personen? Am besten schreibt man alles, was in einem vorgeht auf. Der Vorgang heißt critical self-reflecion, kritische Selbstreflexion. Ich habe gelernt, dass meine Annahmen mein Denken und somit mein Verhalten beeinflussen. Wie bereits erwähnt, sind unsere Prägungen konstruiert und keine allgemeingültige Wahrheit. Ich kann diese entsprechend kritisch hinterfragen und aufbrechen, um so neue Verhaltens- und Denkmuster zu erlangen. Mit diesem Bewusstsein kann ich meine Assoziationen also selbst neu programmieren, um bewusst und diskriminierungsfrei zu handeln. Ich war erleichtert.


Eine Frage lässt mich seitdem jedoch nicht los. Wenn wir alle unbewusste Assoziationen haben, dann handeln wir entsprechend und tragen diskriminierende Stereotypisierungen, die uns fataler Weise mitgegeben wurde, ohne es zu wissen weiter. Wenn eine Lehrkraft unbewusst eine negative Wahrnehmung gegenüber Menschen zum Beispiel mit dunkler Hautfarbe hat, ohne es zu wissen oder sogar zu wollen, kann es trotzdem sein, dass er oder sie sich unbewusst anders verhält. Das darf angesichts der heterogenen und vielfältigen Klassenzimmer in Deutschland nicht passieren!


Lehrkräfte müssen sich ihrer implizierten Assoziationen bewusst werden



Deswegen fordere ich: Lehrkräfte müssen sich ihrer implizierten Assoziationen bewusst werden. Lehrkräfte müssen sich testen lassen! Am besten bereits beim Eintritt des Studiums, um dann parallel dazu in einem Begleitkurs eine critical self-reflecion durchzuführen. Entsprechend könnten sie bewusst und bestärkt mit klarer Sicht in den Beruf starten.


Lehrpersonal könnte mehr und mehr allen Lernenden die gleiche Chance geben, und die gleiche Bewertung zu Teil kommen lassen, weil unbewusste Prägungen ihnen nicht im Wege stehen. Sie können einen Safe Space für ihre Schüler*innen schaffen, weil sie sich ihrer Gedanken und Handlungen bewusst sind. Ist sich eine Lehrkraft zum Beispiel bewusst, dass er beim Lesen ihm unbekannter Namen die implizierte Assoziation „nicht gut in Deutsch“ hat, kann er diese beobachten und beiseite schieben und somit der Schülerin Hülya wertfrei(er) und unvoreingenommener begegnen.


Es mag für manche vielleicht unangenehm klingen, vielleicht so unangenehm wie ein Stäbchen in der Nase. Begegnen wir alle dem Testverfahren und den möglicherweise aufreibenden Resultaten jedoch mit Annahme, Akzeptanz und Toleranz, so können wir einen enormen Schritt für eine diskriminierungsfreie Schule leisten. Diese Teststrategie würde die Schule nachhaltig zu einem besseren und sichereren Ort machen.

0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen