©2019 Clara Schaksmeier

  • Clara Schaksmeier

Vortrag // Warum sich jede Lehrkraft einmal fremd gefühlt haben sollte

Auf dem DAAD-Strategieworkshop "Internationalisierung des Lehramts", der am 20. und 21.11.2019 stattfand, durfte ich über meine Fremdheitserfahrungen in Indien sprechen. Aufgrund meiner Erfahrungen im Ausland hat sich mein Handeln im Klassenzimmer verändert. Ich wurde interkulturell sensibler und empathischer. Eigenschaften , die, angesichts der diversen, heterogenen und kulturell vielfältigen Klassen, alle Lehrkräfte in Deutschland haben sollten. Meiner Meinung nach sollte sich deshalb jede Lehrkraft einmal fremd gefühlt haben.

Wann haben Sie sich das letzte Mal fremd gefühlt? Oder unwohl? Nicht ganz passend? Mir ist das letztes Wochenende passiert. Eine Freundin nahm mich mit auf einen Geburtstag eines Freundes. Außer ihr kannte ich niemanden. Ich habe mich gefreut, neue Leute kennenzulernen. Doch ich merkte schnell, dass meine Anknüpfungspunkte an die Gruppe nicht leicht zu finden waren. Alle anwesenden waren super hip, arbeiten in Agenturen oder im Marketing, sprachen von KPIs und Employer Branding. Sie tauschten sich über Restaurants aus, bei denen ich mir noch nicht Mal eine Vorspeise leisten konnte oder tratschten über Personen, die ich nicht kannte. Schnell flüchtete ich zum Buffet. Smalltalk über das Essen, das ging. Nach einer Stunde beschloss ich, die Party zu verlassen. Es war mir zu viel. Ich passte da einfach nicht rein. Ich wollte nur noch zurück in meine Wohnung. Da, wo alles genau so ist, wie ich es schön finde, wie ich es brauche, um mich wohl und zuhause zu fühlen.


In der Schule gibt es kein Buffet. Ich weiß, in der Schule sind auch nicht alle hip und reden über KPIs. ABER der Abend auf der Party erinnerte mich sehr an einen Tag in der Schule. Ich habe mich fremd gefühlt. Und ich weiß, dass sich auch viele in der Schule fremd fühlen. Schülerinnen und Schülern wird tagtäglich bewusst gemacht, dass sie wegen irgendetwas fremd sind. Weil sie das Umfeld nicht ganz verstehen. Oder das Umfeld sie nicht. Dass Sie die Sprache noch nicht so gut sprechen oder gewisse Codes nicht lesen können. Missverständnisse, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit sind die Folge. Die Schule ist ein herausfordernder Ort. Ohne Buffet, das einen rettet. Und noch weiter gedacht: Für einige gibt es noch nicht einmal ein Zuhause, das ihnen vertraut ist. Sie sind durch und durch fremd.


Was bedeutet fremd? Der Duden unterscheidet bei „fremd“ zwischen drei Bedeutungen:

1. nicht dem eigenen Land oder Volk angehörend; eine andere Herkunft aufweisend

2. einem anderen gehörend; einen anderen, nicht die eigene Person, den eigenen Besitz betreffend

3. a. unbekannt; nicht vertraut

b. ungewohnt; nicht zu der Vorstellung, die jemand von jemandem, etwas hat, passend; anders geartet.


Ich kenne und kannte die drei Definition des Begriffes „fremd“ schon lange. Doch was es tatsächlich bedeutet, fremd zu sein, das habe ich erst in Indien erfahren. Sechs Wochen gab ich nördlich von Delhi während der Sommerferien meines Referendariats Deutschunterricht. Ich lebte bei der Familie des Schulleiters und teilte mir dort Zimmer und Bett mit meiner Gastschwester. Tagsüber Schule, abends und am Wochenende Familie. Alles auf indisch.

Klima, Essen, Infrastruktur, Kühe auf den Straßen. Ich hatte kaum Zeit, die äußeren Umstände wirken zu lassen. In vielen Situationen habe ich mich einfach nur mitziehen lassen, da ich gar nicht wusste, wie mir geschieht. Nur, damit Sie ein Gefühl dafür bekommen: Auf diesem Foto bin ich gerade mal 9 Stunden in Indien. Ich landete um 23 Uhr, erreichte um 3 Uhr nachts das Haus meiner Gastfamilie und wurde um acht Uhr freudig von der Schule willkommen geheißen. Und so ging das weiter. Alles war viel, laut, voll…. Kleinigkeiten, die mir im Alltag Halt und Ruhe geben, habe ich vermisst. Einfach mal allein sein. Oder Spazierengehen. Denn in Indien durfte ich nicht allein vor die Tür. Immer war ein Fahrer oder jemand anderes an meiner Seite, sei es beim SIM-Kartenkauf oder beim Stadtbummel. Auch meine Erklärung, dass ich gern allein sei, wurde abgewehrt. Mein Umfeld hätte es als unhöflich ihrerseits empfunden, wenn ich keine Rundumbetreuung gehabt hätte. Dass das aber genau das war, was ich brauchte, verstanden sie nicht. Ich lebte für sechs Wochen kein autonomes Leben. Ich befand mich in einem Kontext, den ich mir als im (deutschen) Leben stehende Frau niemals hätte erdenken können.


Da ich mein Referendariat absolvierte, dachte ich, auf beruflicher Ebene anknüpfen zu können. Ich kenne mich schließlich im Kontext Schule aus. Fehlanzeige. Es gab viele Dinge, die ich so noch nicht kannte. Morgenversammlungen, an denen ich manchmal auch spontan eine Rede halten musste. Ab und zu meditierten wir vor dem Unterricht. Ich habe es mir nicht erträumen lassen, dass 15 Handwerker, beladen mit einem Schrank, das Treppenhaus für zwei Stunden blockieren und einen unheimlichen Lärm während meines Unterrichts veranstalten. Ich habe es noch nicht erlebt, dass die 5. Klasse mehr im Fach Deutsch weiß als die 8. Und dass Klasse 7 und 10 gleich auf sind. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte, war, dass es keine 5-Minutenpausen gab: Die eine Stunde hörte auf, die andere fing an. Die Klassen hatten keine Zeit zum Durchatmen oder Ankommen. Das erste Viertel einer Unterrichtsstunde bestand darin, dass die Kinder nach und nach in das Klassenzimmer tröpfelten. Zu meinem Bedauern konnte ich niemanden davon überzeugen, dass 5 Minuten zwischen den einzelnen Stunden sehr viel Sinn ergeben würden. Keiner verstand meine Irritation. Zunächst habe ich diskutiert. Ohne Erfolg. Natürlich habe ich es irgendwann stoisch hingenommen. Ich habe aufgehört, Dinge zu hinterfragen, das gemacht, was von mir verlangt wurde – jedoch zum Teil mit Frustration, Unsicherheit und weiter bestehender Orientierungslosigkeit. Ich fühlte mich durch und durch fremd. Denn „fremd“ ist u.a. auch die Abwesenheit von Vertrautheit oder Sicherheit.


Was mir Zuversicht und Sicherheit gab, war die Aussicht, dass meine Zeit nur begrenzt war. Außerdem sah ich, dass mein Umfeld und meine Gastfamilie mir nichts Böses wollten. Im Gegenteil, ich war bestens umsorgt. Aber halt anders, als ich es bis dato kannte bzw. brauchte. Mir ist deutlich geworden, dass meine Realität von Leben und insbesondere auch von Schule eine völlig andere war.


Schule ist mehr als nur ein Ort, wo in einem Raum mit Tafel gelernt wird. Jedes Land, jede Kultur, hat ihre eigene Realität von Schule. Schule ist komplex: das sind Codes, Abläufe, Regeln, Strukturen, Prozesse, die alle wie Selbstverständlichkeiten scheinen… Das sind sie aber nicht. Was eine ganze Schule selbstverständlich war, hat mich zu tiefst verwirrt und gestresst. (Wie gesagt, die nicht vorhandenen 5-Minutenpausen verstehe ich immer noch nicht). Was in Deutschland für uns innerhalb einer Schulstruktur Normalität ist, ist für Schüler*innen aus anderen Kulturkreisen nicht sofort ersichtlich. Schnell kann es zu Konflikten kommen oder dazu führen, dass die Integration der Schüler*innen, die anders sozialisiert wurden, nicht gut funktioniert. Ich habe es selbst erlebt, wie ich Teil von etwas wurde, dass ich nicht verstand. Ich kenne nun das unwohle Gefühl. Das kann und muss nicht sein. Ich bin der Meinung, dass eigens erlebte Fremdheiterfahrungen von Lehrkräften dem entgegenwirken können.


Eine strukturelle interkulturelle Vorbereitung auf Konfliktsituationen hätte mir sicherlich sehr geholfen. Wie setze ich (interkulturell) sensibel und dennoch bestimmt meine Grenzen? Wie schaffe ich es, dass der/die andere versteht, dass meine Bedürfnisse oder Ansichten auch durch meine Herkunft und meine Lebensrealität begründet sind? Wie schaffte ich einen (dritten) Raum für Austausch? Hätte ich eine interkulturelle Schulung zu diesen Themen gehabt, wäre meine Zeit sicherlich ein wenig sanfter verlaufen. Eine umfassende Vor- und Nachbereitung von Auslandsaufenthalten würde meiner Meinung nach auch dazu verhelfen, das Erlebte NOCH gewinnbringender mit ins deutsche Klassenzimmer zu bringen, da es intensiv reflektiert und aufgearbeitet wird.


Dadurch, dass ich als Lehrkraft selbst erfahren habe, dass Abläufe, Codes, Regeln und Verhaltensweisen im Kontext Schule nicht selbstverständlich sind, habe ich ein Gespür für interkulturell begründete Reibungen bekommen. Zurück in Berlin habe ich meine Erfahrungen offen in meiner Klasse geteilt und so einen Raum für Austausch geschaffen. Meine Klasse und ich, wir hatten im Zuge dessen viele Erkenntnisse. Viele erzählten mir, dass sie manche Prüfungsabläufe einfach nicht verstehen und deshalb sehr verunsichert sind. Ich hatte außerdem eine Schülerin, die sich partout nicht am Unterricht beteiligte. Schriftlich hat sie Bestleistungen erbracht. Sie war immer ruhig. Aber weder in Gruppenarbeiten, noch im Unterrichtsgespräch, teilte sie ihr Wissen. Im Gespräch wurde deutlich, dass Ling aus China kommt und es ihr unangenehm sei, vor anderen zu sprechen. Sie erzählte mir von Frontalunterricht und Schreibmarathons in ihrem Herkunftsland. Ihre Eltern unterstützen diese Realität, indem sie Ling förmlich „drillten“. Dankbar für Ihre Offenheit, suchten wir eine Lösung, wie wir mit ihrer Angst umgehen können. Es war mir ebenfalls ein großes Anliegen, meinen Schüler Mohannad, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Berlin gekommen ist, mit gesonderter Sprachförderung zu unterstützen. Mohannad war ein Einser-Kandidat mit einer schnellen Auffassungsgabe und einer beispiellosen Disziplin. Weil ich es selbst erlebt habe, sprachlich abgehängt zu sein, war es mir ein persönliches Anliegen, die Sprachbarriere so gut wie möglich zu überbrücken. Auch wenn es für mich bedeutet, Überstunden zu machen.


Selbst erlebte Fremdheit schafft Empathie. Und das ist es, was wir für ein demokratisches Zusammenleben brauchen. Und deswegen finde ich es unsagbar wichtig, dass jede Lehrkraft sich einmal fremd gefühlt haben sollte. Es muss nicht so krass sein, wie in Indien. Aber die Vielfalt von Schulrealitäten einmal erlebt zu haben, öffnet den Blick. Sei es in Rumänien, China, Südamerika oder England. Es fällt einem leichter, die Rollen zu wechseln. Mit einer gehörigen Portion Fremdheitserfahrung im Koffer, kann es Lehrkräften gelingen, ein kleines Buffet aus Empathie, Rücksichtnahme, Authentizität und Austausch für meine Schüler*innen aus aller Welt zu schaffen. Und je mehr Lehramtsstudierende ins Ausland gehen und diese Erfahrungen machen und sie dann mit Sensibilität, Empathie und Offenheit an die Schule gehen, desto größer wird das Buffet. Und mit solch einem Buffet in der Schule, da dann kann es doch nur besser werden, oder?