©2019 Clara Schaksmeier

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#UnHateWomen - Warum im Unterricht mehr über „Huren“ und „Schlampen“ geredet werden muss

Aktualisiert: März 10


„Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt, ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz“ (GZUS – Was hast du gedacht). Worte tun keinem weh?! - DOCH. Mir war es zu tiefst unangenehm, diese Worte überhaupt auszusprechen. Seitdem ich Teil der Kampagne #UnHateWomen bin, steht für mich fest: verbale Gewalt gegen Frauen in Raptexten darf nicht einfach so hingenommen werden. Ich sehe hier besonders die Schulen in der Pflicht zur Aufklärung. Es muss im Unterricht mehr über „Fotzen“ und „Schlampen“ im Rap geredet werden. Und darüber, wie sich etwas ändern kann.





Meine Teilnahme an der #UnHateWomen-Kampagne


Die Kamera lief bereits, als ich das Studio für den Dreh zur #UnHateWomen -Kampagne von Terres de Femmes betrat. Ich wurde verkabelt, stelle mich auf die Markierung im Set und bekam einen Textausschnitt gereicht. Diesen sollte ich direkt beim ersten Lesen laut vortragen. Mir wurde schlecht. Es fiel mir schwer, die Zeilen richtig vorzulesen. Ich brauchte mehrere Anläufe. „Deine Alte – zerfetzt - ganz normal...“Mein Kopf ratterte. Was auf der Welt legitimiert die (fiktive) Vergewaltigung einer Frau im Backstage? Die "Alte" ist anscheinend noch die Partnerin eines Beteiligten? Was ist daran normal? Und sofort schrie mein Bildungsherz. Solche Worte sind im Netz frei zugänglich? Herabsetzungen und sexuelle Gewaltfantasien, die im selben Atemzug normalisiert werden? Ich war (und bin es immer noch) schockiert.





Schleichend zur Normalität


Sprache reflektiert nicht nur eine Lebensrealität, sie schafft auch Wirklichkeiten. Singt/spricht ein Rapper von einer Frau als „Schlampe“, wird deutlich, dass Frauen in bestimmten Kreisen anscheinend als minderwertig und immer sexuell konnotiert angesehen werden. Durch die Beleidigung erhebt sich der Sprecher über sie und wertet sie ab. Verbale Herabsetzungen sind der erste Schritt zur Legitimation von Gewalt.


Mit jedem Song, in dem Frauen als „Gegenstand“,„Fotze“, „Schlampe“ oder „Bitch“ betitelt werden, schleift sich die Entwürdigung ein wenig mehr ein. Mit jeder verbalen Gewalttat gegen eine Frau, jeder sexuellen Misshandlung, sei sie auch noch so fiktiv, baut sich Stück für Stück ein Bild auf, dass solch ein Umgang mit Frauen normal sein könnte.

Ich gehe nicht davon aus, dass die meisten Jugendlichen, die einen großen Teil der Hörerschaft von Rapmusik ausmachen, die krassen Texte bewusst feiern, propagieren oder sogar direkt umsetzen. Die große Gefahr liegt in meinen Augen darin, dass die Lyrics einfach so nebenher im Jugendzimmer laufen und unbewusst in einem schleichenden Prozess zur Normalität werden. Frauen sind halt „Fotzen“ und „Nutten“. Sagen ja auch die Rapper. Und vielleicht sind sie tatsächlich auch einfach „Schlampen“, weil sie Frauen sind?


Ist das Kunst? Verschwimmende Grenzen


Rapper wie Fler, GZUS oder Finch Asozial propagieren ein Männlichkeitsbild, das sich über rohe Gewalt, Drogenkonsum und Frauenhass definiert. Die Grenzen zwischen Kunst und Fiktion sind hierbei fließend. Wer spricht, wenn er eine Frau „im Backstage zerfetzt“? GZUS die Kunstfigur oder die Privatperson dahinter? Oder sind das sogar ein und die selbe Person? Insbesondere die Lebensstile von Rappern lassen die Grenzen verschwimmen. Die jüngsten Ereignisse um den Rapper Fler, der unmittelbar mit realen Beleidigungen, Bedrohungen und sogar einem Kopfgeld auf Reaktionen auf die Kampagne reagierte, bestätigen mich in meiner Annahme, das im Rap nicht immer eine klare Grenze herrscht. Wo fängt die Kunst an, wo hört sie auf?





Bei SternTV äußerte ich bereits meine Bedenken: Insbesondere Jugendlichen fällt es meines Erachtens schwer, zwischen den Grenzen zu differenzieren. Rapper sind Vorbilder, die durch ihre Worte zu Frauenhass, Drogenkonsum und Gewalt anregen. Die Rapper feiern es, der „Bitch“ zu befehlen, dass sie bügeln muss weil es sonst Prügel gibt (Kurdo & Majoe – Charlie Sheen). „Der Alten“ ballern sie heimlich Drogen ins Glas , damit Joe seinen Spaß hat (BoneZ & GZUS - Lebenslauf). Mit solchen Texten im Ohr kann es passieren, dass die Hemmschwelle zur Frauenverachtung deutlich geringer ist, als ohne die regelmäßige Skizzierungen einer misogynen Welt im Ohr. Jeden Tag werden die Zuhörer*innen Zeuge von verbalen Gewalttaten. Völlig normal? Realität und Fiktion? Schweigen.


Lasst uns über die „Fotzen“ und „Schlampen“ reden


Ich spreche mich ganz klar gegen Zensur aus. Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist meines Erachtens eines der größten Güter, die unsere Demokratie vorzuweisen hat. Diese möchte ich nicht antasten. Aber ich möchte, genau wie die Kampagne #UnHateWomen, einen Diskurs anstoßen. Lasst uns über „Fotzen“ und „Schlampen“ in Raptexten sprechen. Wie weit darf Rap mit seinen undefinierten Grenzen gehen? Ab wann wird die Kunst zur realen Gewaltandrohung? Was passiert mit der Sicht auf die Welt und auf Frauen, wenn tagtäglich „Fotze“, „Schlampe“ und „Bitch“ synonym benutzt werden? Darf ich mich als Frau oder Mädchen äußern, wenn mich diese Entwürdigungen stören oder sogar verletzen? Und wenn ja, wie?


Ich fordere eine offene Thematisierung jugendgefährdender Lyrics von der Schule, von Eltern und von Frauen. Ich sehe eine große Verantwortung in der Bildung und der Zivilgesellschaft. Nur durch einen offenen Diskurs, insbesondere im Unterricht, können wir das im Rap konstruierte Männlichkeitsbild hinterfragen und eine Distanz zu den Texten aufbauen. Meine Wunschvorstellung wäre es, dass Jugendliche sich erst gar nicht mit den Lyrics identifizieren, frauenverachtende Texte sogar ablehnen und entsprechende Songs einfach nicht mehr hören.


Unterrichtsmaterial und Bildungsinitiativen


Zum Glück gibt es viele Bildungsinitiativen, die sich dem Thema HateSpeech widmen:


No-Hate-Speech informiert über HateSpeech und gibt konkrete Hilfestellungen sowie ein großartiges Portfolio an gifs zum Kontern.

Schau-Hin! berichtet ebenfalls umfassend über das Thema und verweist auch auf die rechtliche Situation.

Klick-Safe stellt verschiedene Unterrichtsmodule und -materialien bereit.


Man kann die Kampagne wunderbar als Aufhänger nehmen, um die erwähnten Texte zu thematisieren: Was macht es mit euch, das zu hören? Was passiert, wenn aus einer Frau eine „Fotze“ wird? Wer spricht/rappt da eigentlich? Ist es wirklich cool und erstrebenswert, so zu sprechen? Warum (nicht)?


Lasst uns den Hashtag als Diskussionsgrundlage nutzen. Um zu zeigen, wo verbale Gewalt in Raptexten stattfindet und dass es auch ohne gehen kann. Gegenentwürfe in Form von gewalt- und sexismusfreien Rap gibt es genug. Die Antilopen Gang oder Materia zum Beispiel. Und starke Frauen, die ein Zeichen gegen verbale Gewalt setzen, die gibt es sowieso. #UnHateWomen