• Clara Schaksmeier

Melisa Erkurts „Generation Haram“ – warum sich etwas in der Lehrer*innenausbildung ändern muss


Melisa Erkurt fordert in ihrem Buch „Generation Haram – Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“ (Paul Zsolnay Verlag 2020) eine größere Sichtbarkeit und mehr Verständnis für „die Verlierer*innen“ des Bildungssystems. Feinfühlig und klug beschreibt die in Sarajevo geborene Österreicherin und ehemalige Lehrerin ihren Blick auf das Bildungssystem. Dabei legt sie zahlreiche Probleme im Kontext Schule frei. Dieses Buch sollte, so blurbt es auch Saša Stanišić, von jeder (angehenden) Lehrperson gelesen werden. Damit hat er Recht. Der von Erkurt vollzogene Perspektivwechsel ist augenöffnend und gleichzeitig voller Empathie und konstruktiven Impulsen hin zu einer gerechteren Schule.



Erkurt schreibt aus der Perspektive „der Verlierer*innen“, der Kinder und Jugendlichen mit sogenanntem Migrationshintergrund und erläutert die Versäumnisse des Bildungssystems. Schule führt soziale Ungleichheiten fort, anstatt sie aufzubrechen oder zu neutralisieren. Es wird deutlich, dass Bildung auf autochthone (einheimische) Kinder und Jugendliche der weißen Mittelschicht ausgerichtet ist. Lernende aus unteren sozialen Schichten und anderen kulturellen Hintergründen werden strukturell benachteilig, diskriminiert und somit auch in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Der Selbstwert der Schüler*innen sei katastrophal, so Erkurt: „Es wächst eine Generation ohne Sprache und Selbstwert heran, der einfach keiner zuhört, während die immer gleichen das Wort in der Bildungsdebatte erhalten.“ Das muss sich ändern.


Die zentrale Rolle der Lehrkraft


„Was Schüler*innen wirklich mitnehmen, ist nicht die bloße Wissensvermittlung sondern wie eine Lehrperson sie hat fühlen lassen.“


Die Rolle von Lehrkräften wird in dem Buch mehrdimensional und eindringlich beleuchtet. Melisa Erkurt berichtet von ihrer Kindheit in Sarajevo. Sie musste mit ihrer Familie kriegsbedingt nach Österreich emigrieren. Zunächst war sie Schülerin, dann Lehrerin. Ihren Status „mit Migrationshintergrund“ konnte sie dabei nie ablegen. Aus beiden Perspektiven wird deutlich: Lehrer*innen wird eine enorme Verantwortung zuteil. Sie sind es, die eine Vorbildfunktion einnehmen und somit zum Beispiel eine Lesebegeisterung wecken können. Schnell stellt Erkurt jedoch klar, dass Lehrkräfte für die aktuellen Anforderungen von Schule in vielerlei Hinsicht nicht hinreichend ausgebildet sind.


Erkurt verdeutlicht, dass sie ihre Karriere der Unterstützung ihrer Deutschlehrerin zu verdanken hat. „Es gab da eine Person in ihrer Bildungslaufbahn, die an sie geglaubt hat. Dass sich das Bildungssystem eines der reichsten Länder der Welt auf einzelne Personen verlässt, ist ein Skandal“ (S12).


Lehrkräften fehlt oftmals die Perspektive der Schülerschaft. Ein Bewusstsein für die eigenen Privilegien oder das Ausmaß des eigenen diskriminierenden Verhaltens ist nur bei den wenigsten vorhanden. „Man wird in Österreich [und in Deutschland gleichermaßen] Lehrerin oder Lehrer, ohne sich im Studium mit den Lebensrealitäten der Schüler*innen auseinanderzusetzen. Das Studium ist fast noch das gleiche wie vor fünfzig Jahren, so wie der Lehrkörper und das System Schule insgesamt – aber die Schüler*innen, um die es geht, das sind ganz andere“. Anstatt einer Sensibilisierung lernte Erkurt in ihrer Lehrer*innenausbildung, wie sie „Hülyas aussortiere“ und „Annas und Pauls unterrichte“. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Gestalter*innen von Schule und Unterricht aus komplett anderen Lebensrealitäten kommen und andere Hintergründe nicht mitberücksichtigen.


Diskriminierung durch Lehrer*innen


Besonders schwerwiegend ist es, wenn Lehrer*innen aktiv diskriminieren. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Diese äußern sich zum Beispiel durch Beleidigungen, die Infragestellung der Gymnasialempfehlung oder durch die Abwertung von Mehrsprachigkeit, sofern es sich dabei um Türkisch, Polnisch oder Arabisch als zweite Sprache handelt. „Diskriminierung durch Lehrer*innen muss ernst genommen werden. Das sind keine Einzelfälle“, so Erkurt. Gegenwärtig erhalten Lehramtsanwärter*innen kaum eine Aufklärung über Rassismus und Diskriminierung durch die Universitäten. Es gibt keine Ausbildung für den Umgang mit geflüchteten und traumatisierten Schüler*innen. „Es wird sich auf das Engagement einzelner engagierter Lehrkräfte verlassen“. Dabei brauchen alle Lehrkräfte heutzutage ein Verständnis über Diaspora und Heimatlosigkeit. Denn das ist mittlerweile ein integraler Bestandteil unserer Landesrealität geworden.


Herrscht kein Bewusstsein darüber, so geschieht Diskriminierung weiterhin, sei es in noch so kleinen Handlungen. Lehrer*innen sprechen die Namen ihrer Schüler*innen falsch aus oder fragen sie nach ihrer ‚wahren’ Herkunft. Sie benutzen ausgrenzendes Unterrichtsmaterial oder vernachlässigen, wenn sie sich bereits feministisch positionieren, intersektionale Ausprägungen dabei. Ohne eine umfassende Aufklärung und Sensibilisierung kann Schule nie zu einem Safe Space für alle Lernenden werden. Sonst wird es immer Schüler*innen geben, die sich ausgeschlossen und nicht anerkannt fühlen, da sie permanent ihr Sein erklären müssen. )


Die Lehramtsausbildung muss neu gedacht werden


Melisa Erkurt spricht mit ihrem Plädoyer, welches noch viele weitere Themen anreißt, wie zum Beispiel die Kopftuchdebatte oder die Relevanz von einer neuen Sexualpädagogik,viele wirichtige Aspekte an.. Ich kann ihr uneingeschränkt zustimmen, dass ich diese wichtigen Inhalte in meiner Lehrer*innenausbildung ebenfalls nicht gelernt habe. Dass Schule definitiv kein Safe Space ist. Dass Diskriminierung, sei sie bewusst oder unbewusst, sei sie groß oder klein, an Schulen geschieht. Dass Lehrmaterial ausgrenzend und zum Teil unzumutbar ist. Ich stimme ihr zu und fordere ebenfalls, dass sich etwas ändern muss.


Was wäre, wenn eines Tages Jugendliche motiviert und voller Selbstvertrauen mit Wissen um ihre Stärken aus der Schule gehen würden, weil sie von Lehrer*innen begleitet wurden, die an sie glauben und mehr als den ausländisch klingenden Namen oder ein Kopftuch sehen? Die anerkennen, dass der Alltag für diese Kinder wahrscheinlich anders aussieht als den, den sie salbt kennen? Die fragen „wie kann ich dir helfen“ anstatt sie zu verurteilen? All dies darf kein Gedankenspiel mehr bleiben. Melisa Erkurt zeigt mit ihrem Buch durch ihren Perspektivwechsel einen ersten Weg dahin auf, der nur durch diesen beschritten werden kann.



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