• Clara Schaksmeier

International und trotzdem klimafreundlich - das geht.

Aktualisiert: 22. Nov 2019

Alle Welt blickt auf Greta Thunberg, wie sie mit einem Segelboot den Atlantik überquert. Die junge Schwedin hat es erreicht, dass der Klimaschutz in aller Munde ist. Zu Recht. Und zum Glück. Angesichts alarmierender Ereignisse, wie dem erneut vordatierten Earth Overshoot Day und den erschreckenden Bildern der mit Plastik verschmutzen Meere, sollte es für uns alle ein Anliegen sein, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Wir müssen unser Handeln radikal ändern. Das steht außer Frage. Doch was bedeutet das für die Forderungen nach mehr Auslandssemestern und –praktika? Was für Auswirkungen hat es auf den internationalen Jugendaustausch? Dürfen wir noch ins Ausland? Oder macht uns der Klimawandel einen Strich durch die interkulturelle Rechnung? Ich bin dem Dilemma auf den Grund gegangen. Und zu dem Schluss gekommen, dass sich internationale Erfahrungen und Klimaschutz nicht ausschließen. Wenn man einiges beachtet.



Landeanflug auf Delhi


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mir bis vor ein paar Jahren keine großen Gedanken über meinen ökologischen Fußabdruck gemacht habe. Ich liebte das Reisen. Punkt. Meine Vorfreude auf das jeweilige Auslandsabenteuer überstrahlte alle Zweifel oder Gedanken an den Klimaschutz. Je weiter weg, desto besser. Gedanken an Emissionsausstöße? Nicht wirklich. Die Suche nach dem günstigsten Flug hat mich regelrecht gekickt. Das ist nun zum Glück anders. Seit etwa zwei Jahren frage ich mich täglich, wie ich mein Leben nachhaltiger gestalten kann. Insbesondere mit Blick auf Kosmetik, Ernährung und Fortbewegung. Mal gelingt es mir besser, mal schlechter. Aber ich kann und will meine Augen nicht vor den tausenden demonstrierenden Schüler*innen, den mit Plastik strangulierten Schildkröten und den alarmierenden Umweltentwicklungen verschließen.


Als ich vor ein paar Tagen die Nachrichten schaute und Greta auf ihrem Segelboot sah, stellte sich mir plötzlich die Frage: was bedeutet all das für unsere Zukunft? Nicht nur für unsere privaten Reiseentscheidungen, sondern insbesondere für die Forderung nach mehr Auslandsmobilität? Ein schlechtes Gewissen überkam mich. Ich engagiere mich für eine Sache, die im Umkehrschluss aktiv zur Zerstörung des Planeten beiträgt. Ein Dilemma. Wie wichtig Auslandserfahrungen sind, habe ich vermehrt deutlich gemacht. Im Folgenden möchte ich aufzeigen, dass Klimaschutz und Auslandsmobilität keine Ausschlusskriterien sind.


Ein Auslandspraktikum in Europa

Es muss nicht immer ans andere Ende der Welt gehen, um neues zu erfahren oder sich fremd zu fühlen. Die kulturelle Vielfalt in Europa ist schier endlos. Von Fado bis Disco Polo, von Paella bis Karelische Piroggen, von der Akropolis bis zum Bauerndorf in Vlkolínec. Auf unserem Kontinent gibt es so viel zu entdecken. Landschaftlich, kulturell, kulinarisch und politisch. Gerade die osteuropäischen Länder halten für mich zum Beispiel noch viele Überraschungen bereit. Und das Beste: alles liegt quasi vor der Haustür. Wir können klimaschonend mit der Bahn anreisen.

Wie eindrucksvoll ein SCHULWÄRTS!-Praktikum in Polen sein kann, berichtet zum Beispiel Melisande in ihrem Blog.


Auch längere Anreisen mit dem Zug antreten

Ich mochte Fliegen noch nie sonderlich gern. Es fängt schon bei den Sicherheitskontrollen an. Dann die Wartezeiten am Gate mit dem freundlichen Angebot, diese doch durch Kosmetik- und Alkoholkonsum zu verkürzen. Endlich steigt man in den Flieger und quetscht sich in den Sitz. Willkommen in der turbobetriebenen Zeitkapsel - ohne Beinfreiheit, mit strikt vorgeschriebenen Essenszeiten, zu denen einem ein kleines Plastikmeer vorgesetzt wird. Vielleicht sitzt man am Fenster und kann das Wolkenmeer genießen. (Das einzige, was ich am Fliegen tatsächlich mag.) Wenn man Glück hat, ist kein schreiendes Kind an Board und der Sitznachbar wahrt den minimierten, auf die Armlehnen beschränkten, persönlichen Raum. Setzt der Flieger zur Landung an und durchbricht er die Wolkendecke, eröffnet sich eine neue Welt. Doch was lag eigentlich die ganze Zeit unter den Wolken? Wie weit ist man jetzt wirklich von zuhause entfernt? All das hat die Zeitkapsel verschluckt.

Natürlich ist fliegen schnell, billig und manchmal sogar bequem. Aber eine Reise mit dem Zug eröffnet einem ein ganz neues Gefühl. Aus dem Fenster sieht man die sich verändernde Landschaft, die vielen zurückgelegten Stunden und Kilometer lassen einem die Distanz bewusst werden. Auch nachts. Und im Schlafabteil kann man sich sogar richtig hinlegen. Der Weg ist das Ziel.

Ende August fahre ich mit dem Zug nach Rumänien und freue mich schon sehr auf die Erfahrung. Die dreißig Stunden im Zug werden bestimmt nicht nur angenehm. Aber abenteuerlicher und klimaschonender als Fliegen allemal.


CO₂-Ausgleich kaufen

Eine Anreise mit dem Zug ist nicht immer möglich. Insbesondere, wenn es für das Auslandssemester tatsächlich ans andere Ende der Welt oder auf einen anderen Kontinent geht. Falls sich ein Flug nicht vermeiden lässt, werde ich in Zukunft meine Emissionen monetär kompensieren. Verschiedene Anbieter betreiben aktiven Klimaschutz, welcher von CO₂-Ausgleichszahlungen finanziert wird. atmosfair baut zum Beispiel erneuerbare Energien in Entwicklungsländern aus. „Damit spart atmosfair CO₂ ein, das sonst in diesen Ländern durch fossile Energien entstanden wäre. Und gleichzeitig profitieren die Menschen vor Ort, da sie häufig zum ersten mal Zugang zu sauberer und ständig verfügbarer Energie erhalten, ein Muss für Bildung und Chancengleichheit.“


Interkulturelle Erfahrungen im eigenen Land

Allgemein sollten wir noch mehr die Ressourcen nutzen, die uns im täglichen Leben begegnen. Lasst uns neugierig sein und einfach mal fragen: Wie sah der Schulalltag des türkischen Nachbarn aus? Was kann uns die Kollegin aus Syrien erzählen? Hat der russische Kommilitone einen Kindergarten besucht? Wie sah dieser aus? Was vermisst der Kellner beim Lieblingsitaliener am meisten an seiner Heimat?

Ich bin mir sicher, dass wir auch so viel voneinander lernen können. Und der Fußweg ins Lieblingscafé für eine interkulturelle Erfahrung ist garantiert klimaneutral.

©2019 Clara Schaksmeier