• Clara Schaksmeier

"Ein deutsches Klassenzimmer" von Jan Kammann / Buchrezension

Aktualisiert: 22. Nov 2019

Dass hinter dem Begriff ‚Klasse’ so viel mehr steckt, als eine Lerngruppe, das macht Jan Kammann mehr als deutlich. Er zeigt, dass dieser Begriff ganze Länder und Kulturen umfasst, die vielfältiger nicht sein können. In „ein deutsches Klassenzimmer“, erschienen im Piper Verlag, erzählt der Hamburger Lehrer, wie er durch die Reisen in die Heimatländer seiner Schüler*innen selbst wieder zum Schüler wird. Er lässt die Leser*innen an seinen Fremdheitserfahrungen teilhaben und illustriert, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten seiner Schüler*innen sein können. Sein Reisebericht leistet einen authentischen Diskussionsbeitrag über die kulturelle Vielfalt in deutschen Klassenzimmern.



Gerade in einer Vorbereitungs- oder Willkommensklasse, wie es in Berlin heißt, ist kulturelle Vielfalt vorprogrammiert. Bis zu 25 oder sogar 30 Schüler*innen aus aller Welt lernen hier die deutsche Sprache sowie Grundlagen für eine Eingliederung in das Bildungssystem. Denn viele sind gerade erst nach Deutschland gekommen. Größer kann ein Aufprall der Kulturen kaum sein. Vorne steht häufig eine überforderte Lehrkraft. Jan Kammann scheint die Vielfalt seiner Klasse hingegen sehr willkommen. Er unterrichtet Englisch und Geographie in einer Hamburger Vorbereitungsklasse. Um nachzuempfinden, wie anstrengend die Anreise einer Schülerin aus Bulgarien nach den Ferien von ihrer Heimat aus tatsächlich ist ist, setzt er sich kurzerhand in den Bus nach Bulgarien. Der Startschuss für ein beispielloses Reisevorhaben.


Im Plauderton erzählt Jan Kammann von seiner Klasse 10d und seiner Neugier, mehr über die Herkunft der Schüler*innen zu erfahren. Ich habe es genossen zu lesen, wie wertschätzend er die Vielfalt in seinem Hamburger Klassenzimmer und die Geschichten seine Schüler*innen beschreibt. Mich hat es sehr bewegt, von dem an Leukämie erkrankten Raphael aus Nicaragua zu lesen. Die stolze Beschreibung einer professionellen Ballettaufführung dreier Schülerinnen hat mich zum Lächeln gebracht. Schnell wird deutlich: das ist ein Lehrer mit Herz und einem wachen und liebevollen Blick für seine Schüler*innen.


Immer wieder stellt er in seinen Reiseberichten den Bezug zu seiner Klasse und zu neuen Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung her. So entwickelt er basierend auf dem neu Gelernten Fragestellungen für einen Unterricht mit mehr Weltbezug, wie zum Beispiel „Benenne 5 Länder des Pazifischen Feuerrings.“ Dennoch habe ich aufgrund des Titels und des vermeintlichen Schulkontextes einen größeren Bildungsbezug erwartet. Viele Beschreibungen, zum Beispiel die einer rasanten Fahrt durch Armenien oder eines Wanderausfluges auf einen Vulkan, glichen einem ‚normalen’ Reisebericht.


Eine pointierte Öffnung der eurozentristischen Perspektive


Seine Erzählungen nutzt Jan Kammann dann wiederum pointiert, um seine eurozentristische Perspektive zu öffnen (und die der Leser*innen gleich mit). Mit sehr viel Selbstironie teilt er seine Fremdheitserfahrungen und Überforderungen. Ganz offen gibt er zu, dass er von iranischen Denkern und Gelehrten kaum Ahnung hat und die Werke von Omar Chayyām nicht kennt (ich reihe mich ahnungslos dazu). Das sorgt für Enttäuschung bei seinem iranischen Gesprächspartner, der bestens über Kant und Co informiert ist. Nach diesem Gespräch hinterfragt Kammann die Grenzen des deutschen Curriculums. Sollten wir nicht noch mehr über die Geschichten und Grundlagen anderer Kulturkreise lernen? – Ja, unbedingt!


Für Bahnfahrten, einen Sonnennachmittag im Park oder als Bettlektüre ist „Ein deutsches Klassenzimmer“ sehr empfehlenswert. Gerade Lehrkräften, die nicht so liebevoll auf ihre Klasse blicken können, da der harte Alltag sie bereits genug fordert, wünsche ich diese kleine leichte Reise in die Welt. Erfrischend leicht setzt Kammann kleine Denkanstöße, die im Nachklang eine große Wirkung haben können. Insbesondere unserer Einstellung der Vielfalt eines deutschen Klassenzimmers gegenüber.

©2019 Clara Schaksmeier