• Clara Schaksmeier

"Die Macht der Mehrsprachigkeit" - von Olga Grjasnowa

Was haben Dieter Bohlen und Johann Wolfgang von Goethe gemeinsam? Abgesehen vom männlichen Geschlecht und einem gewissen Bekanntheitsgrad wahrscheinlich nicht viel. Eine Übereinstimmung gibt es noch: sie sind sogenannte deutsche „Muttersprachler“[1]. Doch wäre es nicht absurd, dass irgendjemand aufgrund dieser Tatsache auf die Idee käme, die beiden in ihrer Kultiviertheit, Weltanschauung und sprachlichen Kompetenz gleichzusetzen? Beide Männer sprechen/sprachen zwar Deutsch, aber dennoch liegen Welten zwischen ihnen und ihren Beiträgen für ihr Umfeld und die Gesellschaft. Und dennoch, gingen Bohlen und Goethe heute auf die gleiche Schule, würde das System sie mit Blick auf ihre Erstsprache zunächst erst einmal gleichsetzen.

Der Vergleich mag kurios erscheinen, leider ist er jedoch nicht unberechtigt. Tagtäglich werden in Deutschland Sprachkompetenzen als Grundlage für die Bewertung von Personen(gruppen) genommen. In ihrem ersten Sachbuch „Die Macht der Mehrsprachigkeit“, erschienen 2021 im Duden-Sachbuch, legt die mehrsprachige Olga Grjasnowa von sich und ihrer Biographie ausgehend das Phänomen der diskriminierenden monolingualen deutschen Leitkultur offen. Sie stellt dabei den oben erwähnten Vergleich zwischen Bohlen und Goethe auf und skizziert die unterschiedlichen Maßstäbe, mit denen Sprachen und ihre Sprechenden bewertet werden. Ihre Kritik bezieht in vielen Fällen auch das deutsche Bildungssystem mit ein und ist daher ein wichtiger Beitrag für eine neu gedachte und diskriminierungsfreie Bildung.


Einsprachigkeit als konstruierte Norm der deutschen Leitkultur


Einsprachigkeit bildet in Deutschland die Norm. Dabei ist Monolingualismus, so stellt Grjasnowa heraus, ein historisch gesehen eher neuartiger Zustand und eigentlich eine Ausnahme. Das Bild von Einsprachigkeit als Ideal wirkt verzerrt auf uns, da diese Ausnahmen von mächtigen Minderheiten, wie Deutschland, geprägt werden. Hier wird Multilingualismus häufig als Defizit oder Bedrohung wahrgenommen, „als würde Mehrsprachigkeit die Einsprachigkeit gefährden“. Entsprechend setzen sich nationalistische Parteien, wie die AfD, für „den Erhalt der deutschen Sprache“ ein, um das Konzept der deutschen Leitkultur aufrecht zu erhalten. Dies hat zur Folge, dass bestimmte Sprachen und ihre Sprecher*innen in fast allen Lebensbereichen diskriminiert werden. „Machtverhältnisse und Nationalismus spiegeln sich stets in der Sprache wider. Genauso wie jeweils herrschende Diskurse und Ideologien.“


Besonders erschreckend ist die Hierarchisierung von Sprachen und die damit einhergehenden Umgangsweisen mit ihren Sprecher*innen. Zugezogene aus den EU-Staaten, sogenannte Expats, müssen keine Deutschprüfung ablegen. Es ist in Ordnung, dass sie zwar kein Deutsch, aber Englisch oder Französisch sprechen. Migrant*innen aus anderen Ländern hingegen müssen einen Erwerb von Deutschkenntnissen mit einem Zertifikat nachweisen. Darüber hinaus wird es ungern gesehen, oder besser gesagt gehört, dass Kinder und Jugendliche sich auf Arabisch oder Türkisch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel auf dem Schulhof, unterhalten. Fremdsprachen werden einem gewissen Habitus gleichgesetzt. „Europäische, genau gesagt indogermanische und romanische Sprachfamilien, haben ein hohes Prestige“, arabische Sprachen hingegen nicht. „Die Wertschätzung bestimmter Sprachen in Abgrenzung zu anderen wird zur gesellschaftlichen Norm.“


Schulen reproduzieren Machverhältnisse


Schulen spielen in dieser Hierarchisierung eine zentrale Rolle, denn „in der Schule werden nun einmal auch die Machtverhältnisse eines Landes gespiegelt und reproduziert“. Wie auch Melisa Erkurt[2] es bemängelt, sind Schulen auf eine homogene, monolinguale Schülerschaft ausgelegt. Jede Form der Andersartigkeit ist eine Störung, auf welche einsprachige Lehrkräfte in der Regel nicht vorbereitet sind oder gar ausgebildet wurden[3]. Im Lehrer*innenzimmer herrscht kein Konsens darüber, ob Mehrsprachigkeit ein Vorteil sein kann. Dass Kinder als Dolmetscher*innen für ihre Eltern fungieren, Verantwortung übernehmen, Grenzen und Dimensionen von verschiedenen Kulturen durch ihre Mehrsprachigkeit erfahren, wird oftmals vernachlässigt. Mehr noch: es wird als Defizit ausgelegt, wenn ein Kind auf dem Pausenhof eine nicht prestigeträchtige Sprache spricht. Englisch, Latein und Französisch werden unterrichtet und sind als angesehene Sprachen erwünscht. Türkisch, Vietnamesisch und Arabisch hingegen werden zum Teil sogar verboten. Die schulische Praxis manifestiert die Hierarchisierung von Sprachen. Durch eine mangelnde Förderung der Sprachenvielfalt, so Grjasnowa, erleiden die Kinder und auch unsere Gesellschaft einen enormen Verlust. Meist bleibt es bei einer mündlichen Beherrschung der jeweiligen Sprache. Komplexe Satzstrukturen und Schreibkompetenzen verkümmern ohne Förderung . Vielen jungen Menschen wird dadurch ein immenses Kommunikationspotenzial und der Zugang zu ganzen Welten[4] verwehrt.


Es bedarf eines politischen Willens, Einsprachigkeit in Deutschland als Norm abzuschaffen und die vielen Potenziale, die mehrsprachige Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, mitbringen, als solche anzuerkennen und in den Alltag zu integrieren. Kanada macht es vor: Sogenannte Settlementworkers in Schools (SWIS) ermöglichen neu eingewanderten Familien eine Art Onboarding-Prozess in der jeweiligen Herkunftssprache. Die Sozialarbeiter*innen helfen den Familien, das Schulsystem zu verstehen und ermöglichen es den Kindern so, bestmöglich einzusteigen. Das gleiche wäre für deutsche Schulen und Behörden ebenfalls dringend notwendig. Denn auch hier scheitert Kommunikation oftmals an monolingualen Lehrkräften und Beamt*innen. Nicht zuletzt, um neue Generationen von mutilingualen Lehrkräften und Beamt*innen zu fördern, muss die Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit als Gefahr für den nationalen Frieden und die frühkindliche Entwicklung[5] dekonstruiert werden.


Wege zur Mehrsprachigkeit


Grjasnowas Lektüre ist augenöffnend, insbesondere hinsichtlich der fatalen Konstruktion des Phänomens der Einsprachigkeit als Grundargument für die deutsche Leitkultur. Sie macht deutlich, wie diese offenkundig in Schulen reproduziert wird. Ihr Text sollte daher Pflichtlektüre für Lehrkräfte werden. Damit sich jede im Bildungsbereich tätige Person aktiv und bewusst mit seiner*ihrer Haltung gegenüber Mehrsprachigkeit auseinandersetzt. Es gilt, die eigenen Vorurteile und möglichen Hierarchisierungen von Sprachen zu hinterfragen und aufzubrechen, idealerweise bereits in der Lehramtsausbildung. Dies kann zum Beispiel durch Kritische Selbstreflexion geschehen oder aber durch Beratungsinstitutionen, wie dem Bielefelder Institut für Frühkindliche Entwicklung. Instanzen, wie die SWIS in Kanada würden eine enorme Unterstützung für Schulen und Familien darstellen. Die Kategorie „nicht-deutsche Herkunftssprache“ darf außerdem kein Befund für die Einschätzung der Schüler*innenleistung sein[6] (siehe der Vergleich von Bohlen und Goethe). Außerdem sollten die Sprachangebote an Schulen erweitert werden. Weg von dem exklusiven Curriculum der Presitgesprachen, hin zu einer breitem Angebot aller aktiv gesprochenen Sprachen: Chinesisch, Polnisch, Kurdisch, Türkisch, Arabisch, ect. Damit das Verständnis über die Macht der Mehrsprachigkeit endlich Einzug in die Schulen und damit ihre verdiente Wertschätzung erhält. Im Klassenzimmer, auf dem Schulhof und in unserer Gesellschaft.



Fußnoten [1] Grjasnowa erläutert wunderbar, warum dieses Wort problematisch ist und ich es daher in „“ setze: Es impliziert, dass es nur eine Erstsprache geben kann, so wie man nur eine leibliche Mutter haben kann. „Muttersprache wurde nach und nach als etwas Natürliches hingestellt, die Kultur wiederum als Biologisches und Angeborenes. Demnach wird man in eine und nur in eine Sprache hineingeboren und somit auch nur in eine Nation“ – und das stimmt so nicht. Anstatt dessen sollten die Begrifflichkeiten A-, B- und C-Sprache Einzug in unser Register erhalten. [2] Über Melisa Erkurts Buch „Generaion Haram“ (2020) habe ich hier berichtet. [3] Ich wurde es in meiner Lehrerinnenausbildung nicht. [4] Kübra Gümüşay führt in ihrem Buch „Sprache und Sein“(2020) sehr gut aus, wie sich Kulturen für uns durch Sprache erschließen (lassen). [5] Zahlreiche Studien belegen, dass Mehrsprachigkeit keine Gefahr für die (früh-)kindliche Entwicklung ist. [6] Das gleiche gilt für den Begriff „mit Migrationshintergrund“. Der Rassismus- und Schulforscher Karim Fereidooni erläutert hier, warum.

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