• Clara Schaksmeier

Das Gap-Problem im Referendariat

und was es mit einem Schokoladenverbot und dem Nürburgring zu tun hat


„Du wirst kein Methodenfeuerwerk erleben“, war eine gängige Antwort auf meine Frage, ob ich als Referendarin bei einem Kollegen*einer Kollegin hospitieren könne. Regelmäßig beobachtete ich als solche mittelguten bis schlechten Frontalunterricht, meist auf Grundlage von veralteten Arbeitsblättern. Selten ist Unterricht im Alltag minutiös durchgeplant und vollständig binnendifferenziert ausgearbeitet - verständlicher Weise. Es fehlt an Kapazitäten und Ressourcen. Von mir als Referendarin wurde genau das jedoch verlangt, obwohl der Alltag um mich herum komplett anders aussah. Alle strampelten durch den überfordernden Schulalltag und ich sollte artifizielle Hochglanzstunden zeigen, die so in der Praxis niemals stattfinden würden. Die amerikanische Wissenschaftlerin Brené Brown forscht zu psychologischen Phänomenen in gesellschaftlichen Kontexten. Ihr Fokus liegt auf den Themen Scham und Verletzlichkeit. In ihrem Buch „Daring Greatly“ (Deutsch: "Verletzlichkeit macht stark") beschreibt Brown solche Diskrepanzen als Gap-Problem. Ich las ihren Text und wusste: Das Referendariat hat ein Gap-Problem. Und zwar ein riesiges.


Das Schokoladenverbot und das Referendariat


Wenn Eltern ihrem Kind verbieten, Süßigkeiten zu essen, weil dies ungesund sei, selbst aber permanent Schokolade naschen, machen sie sich unglaubwürdig. Das eine wird von dem Kind erwartet, das Gegenteil findet statt. Entsprechend erziehen die Eltern ihr Kind, wahrscheinlich ungewollt, unter Irritation zum Schokoladenessen. Das tatsächlich Vorgelebte, wirkt tiefer als das, was man verbal erlaubt oder verbietet. Wie soll man seine Mutter ernst nehmen, wenn sie gerade noch ein Stück ‚Milka' genascht hat und nun, am besten das Papier noch in der Hand, den Zeigefinger erhebt und Schokolade verbietet, weil es ungesund sei? Da stimmt doch etwas nicht. Was hat ein Schokoladenverbot nun mit meinem Referendariat zu tun? Vieles. Sobald es eine Diskrepanz zwischen den tatsächlich praktizierten Grundsätzen und den erwarteten Werten gibt, kommt es, so Brown, bei der lernenden Person zu Irritationen. Das hat meist einen emotionalen Rückzug aus der Lernsituation zur Folge. Es findet eine emotionalen Abkopplung (engl. disengagement) statt.


Mind the Gap!


Hospitationen bildeten einen großen Bestandteil meines Referendariats. Aufmerksam saß ich im Unterricht meiner Kolleg*innen, beobachtete und machte mir Notizen. Was ich mir aufschrieb, waren keine Stichpunkte darüber, was ich alles methodisch übernehmen könnte. Es waren inhaltliche Notizen und Einträge, wie ich meinen Unterricht NICHT gestalten will. Frontal, lieblos, veraltet, nicht auf die Lerngruppe angepasst, demotivierend und trocken. Ich bedaure es sehr, es so direkt zu sagen: ich habe während meiner praktischen Lehrerinnenausbildung so gut wie keinen vorbildlichen, integrativen, binnendifferenzierten, motivierenden Regelunterricht erlebt. Zum Großteil wurden Arbeitsblätter verteilt und abgearbeitet. Veraltete Kopien von Kopien, einmal vorbereitet und erstellt, auf ewig ohne Anpassung an aktuelle Zeitgeschehen oder die Lerngruppe verwendet. Schnell habe ich das Gap-Problem wahrgenommen und Irritationen gespürt. Doch erst seit Brown kann ich es klar benennen: Das, was von mir verlangt, war nicht das, was mir vorgelebt wurde. Mind the Gap!


Angesichts der strukturellen Überlastung von Lehrkräften ist es unmöglich, dass jede Stunde minutiös geplant und vorbereitet ist. Alle lehrenden Personen wissen, dass es mal bessere und mal schlechtere Stunden gibt. Die Unterrichtsgestaltung obliegt spätestens nach der Verbeamtung einzig und allein dem Selbstanspruch und der intrinsischen Motivation der jeweiligen Lehrkraft. Es gibt keine Kontrollinstanz, es gibt bis auf das Curriculum keine Standards, die im Regelunterricht einzuhalten sind. Entsprechend steht und fällt die Qualität des Unterrichts mit der jeweiligen Lehrperson. Es ist aufwändig, ein binnendifferenziertes Gruppenpuzzle zu erstellen oder eine Lerntheke zu konzipieren. Diese Methoden lohnen sich und sind ein großer Mehrwert für die Schüler*innen, doch sie bedeuten auch viel Arbeit. Selbst wenn der Wille nach einem perfekten, examensgleichen Unterricht bei vielen engagierten und herausragenden Lehrkräften vorhanden ist, scheitert er in manchen Fällen an Zeit- oder Ressourcenmangel. Das ist Alltag an deutschen Schulen und nur durch systematische Anpassungen, unter anderem der Personalstruktur, veränderbar.


Meine Examensstunden: ein Theaterstück


Meine Unterrichtsbesuche und Examensstunden waren ein Theaterstück. Ich war Drehbuchautorin, Regisseurin, Bühnenbildnerin, Hauptdarstellerin und Technikerin in einem; die Schüler*innen meine Statist*innen. Dabei sollte es doch eigentlich um sie und ihr Lernen gehen. Das Wohl und der Wissenszuwachs meiner Schüler*innen waren zweitrangig. Es ging um meine Performance. Eine Generalprobe für meine Aufführungen gab es nicht. Die Premierengäste waren hochgradig kritisch und hatten alle eine andere Vorstellung von dem, was sie sehen wollten und was ihnen gefiel. Im Examen wurde überprüft, ob ich als Referendarin einen didaktisch aufbereiteten, progressiv geplanten, methodisch vielfältigen und binnendifferenzierten Unterricht halten kann, so wie er im Buche steht. Die Bewertungsgrundlage war die subjektive Vorstellung meiner Prüfer*innen vom perfekten Unterricht. Dass dieser im Alltag nicht praktikabel ist, wird vernachlässigt.


Ich erachte es als nicht mehr zeitgemäß und sinnvoll, durch solch ein gekünstelt Theoriekonstrukt zu prüfen, ob eine Lehrkraft für den Beruf geeignet ist oder nicht. Bei meiner Fahrprüfung habe ich mich doch auch nicht in einen Ferrari gesetzt und bin den Nürburgring entlanggebrettert, nur um dann wieder im Ford Fiesta meiner Mutter den Großstadtverkehr zu bestreiten. Warum musste ich anderthalb Jahre unter einer enormen Auslastung hochgradig artifizielle Unterrichtsvorführungen tätigen, die nach meinem Referendariat nicht mehr so stattfanden werden? Warum wurde nur in einem Nebensatz erwähnt, dass die Beziehung, die zwischen mir und meinen Schüler*innen herrschte, als außerordentlich vertrauensvoll und positiv wahrgenommen wurde? Warum wurde ignoriert, dass die etablierte Fehlerkultur förderlich für das Lernen dieser war? Fehler waren bei mir nicht nur erlaubt sondern auch erwünscht. Was nützt mir all das, wenn ein Großteil von dem, was ich präsentieren musste, im Berufsalltag angekommen, aus strukturellem Zeit- und Ressourcenmangel nicht umsetzbar ist?



Close the Gap! Neue Anforderungen an den ‚perfekten Unterricht’


Die Lücke muss sich schließen! Ich plädiere für neu ausgerichtete Anforderungen an den sogenannten ‚perfekten Unterricht‘, auf Basis dessen Referendar*innen während ihrer Ausbildung bewertet werden. Unterricht ist zu komplex, um jemals perfekt zu sein. Unterricht ist jedoch gut, wenn er menschlich ist. Wenn Schüler*innen sich gesehen fühlen und das Interesse geweckt wird, etwas zu lernen. Wenn Lernende und Lehrende sich in einem geschützten Raum begegnen und offen über Themen reden. Wenn Vertrauen herrscht und der gemeinsame Wille, Dinge und Zusammenhänge zu verstehen. Guter Unterricht ist, wenn Fehler erlaubt sind und wenn diese nicht bestraft werden. Wenn auf die individuellen Bedürfnisse der Lernenden eingegangen wird. So ein Unterricht sollte Standard sein, jeden Tag, in jeder Schule. Genau solcher sollte vorgelebt und als Grundlage für Examensbewertungen genommen werden.

Dies ist jedoch erst durch einen strukturellen Wandel und eine bessere personelle Aufstellung von Lehrer*innen sowie eine Neuausrichtung der Bewertungsgrundlagen im Examen möglich. Auf dass sich hoffentlich bald etwas ändert, damit die Lücke sich schließt...





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