• Clara Schaksmeier

Corona-Curriculum Teil 5/5 – Medienkompetenz und kritisches Denken


Wir alle tragen Kämpfe aus in dieser surrealen Zeit. Wir alle machen Fehler, wir alle lernen dazu. In meinem Umfeld herrscht nach wie vor Unsicherheit und Verwirrung. Das Leben, insbesondere von Familien, steht Kopf. Kaum eine*r kann die gefühlt tausenden föderalismusbedingten Auflagen und Regeln noch nachvollziehen. Wie wo was- und warum eigentlich? Es gibt Konflikte, weil Mitmenschen Lockerungen unterschiedlich interpretieren und umsetzen. Wie geht es mit der Öffnung der Schulen weiter? Was muss beachtet werden? Und dann sind da noch die Verschwörungstheorien, die auf einmal wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Was wir benötigen, ist mir in den letzten Tagen und Wochen deutlich geworden. Selbstorganisation, emotionale Kommunikation, Medienkompetenz bzw. kritisches Denken, klare Argumentationen und umfassende Begründungen von Maßnahmen. Ich frage mich, ob das nicht Verhaltensweisen sind, die wir hätten lernen müssen, um krisensicher zu sein? Hätte hätte Fahrradkette. Zumindest weiß ich jetzt, dass sie von nun an in jedes Curriculum gehören sollten. Kinder, Erwachsene, Lehrer*innen und Politiker*innen- das geht alle etwas an. Wir alle müssen mit und von dieser Krise lernen. Diese fünf Fähigkeiten dürfen dabei nicht fehlen. Fähigkeiten, die für mich zeitgemäße Bildung zu Zeit der Pandemie ausmachen.




Medienkompetenz und kritisches Denken

17.000 Menschen haben am 01. August protestiert; gegen eine bestimmte Deutung der Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Sicherheitsmaßnahmen, welche nun unser Leben bestimmen. Die Beweggründe der Demonstrant*innen waren unterschiedlicher Natur. Insbesondere Rechtsextremist*innen und Verschwörungstheoretiker*innen nahmen laut Medienberichten an den Kundgebungen und Versammlungen teil. Eindeutiger könnten die Signale nicht sein: „Wir glauben nicht an Corona“, „Die Maßnahmen sind freiheitsberaubend und unnötig“. Ohne Maske und Mindestabstand missachteten die Protestierenden so gut wie alle auferlegten Sicherheitsvorkehrungen. Weil sie misstrauisch sind, weil sie den öffentlich-rechtlichen Nachrichten und der Politik nicht glauben wollen. Sie haben ihr Wissen aus anderen Quellen gezogen, denen sie mehr vertrauen. Ob diese glaubwürdig sind, ist fragwürdig. Das große Problem hierbei ist: Sie gefährden durch ihr Handeln sich selbst und tausende andere Menschen. Gerade in diesen Zeiten ist ein rücksichtsvoller Umgang jedoch sehr wichtig. Deswegen sollten Maßnahmen nicht nur umfassend seitens der Politik erklärt werden, es sollte auch der Umgang mit Medien, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien neu gelernt werden. Wir brauchen in diesen Zeiten ganz besonders Medienkompetenzen und kritisches Denken. Denn Verschwörungstheorien knüpfen unmittelbar an die Angst und Unsicherheit der Menschen an und machen sich dies zu Nutze.

Nicht nur die Gesundheit der Mitmenschen wird in diesem Fall gefährdet. Verschwörungstheorien polarisieren. Je größer die Gruppe von Menschen, die die Glaubwürdigkeit des klassischen Journalismus anzweifelt, desto größer ist auch der Zweifel am Staat und an der Demokratie. Populismus und Propaganda destabilisieren den Staat und verhärten die argumentativen Fronten. Spannungen entstehen, die nur schwer durch Auklärungsarbeit wieder aufzulösen sind. Es wird nicht mehr an ein System geglaubt. Die Wahrheit ist eine andere, auch wenn sie logische Lücken und kein starkes Wissensfundament hat. Und das ist gefährlich, denn dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis versucht wird, das System zu stören oder zu stürzen. Weil Medien mit Verschwörungstheorien unreflektiert konsumiert wurden, durch bereits bestehende Frustration und Unsicherheit, einen fruchtbaren Boden finden und sich wahrscheinlich mit Hilfe von Algorithmen multiplizieren, kann auch unsere Demokratie gefährdet werden.

Die verlorene Gatekeeper-Funktion

Die Gatekeeper-Funktion des Journalismus’ ist aufgeweicht. Insbesondere soziale Netzwerke und Messenger Tools werden immer mehr als Informationsquelle hinzugezogen. Der Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen spricht in einem Gespräch mit dem DLF von „Echokammern in den sozialen Netzwerken, wo Menschen gleichsam in eine Mehrheitsillusion hineindriften und sich wechselseitig ihrer Weltsicht versichern. “ Dieses Phänomen gilt es zu durchschauen und zu hinterfragen.

Corona-Fake-News und Verschwörungen werden zum Beispiel bei WhatsApp mit fragwürdigen Sprachnachrichten zu Impfstoffen, in Telegram-Gruppen, über Facebook News, oder Verschwörungsvideos auf YouTube verbreitet. Wenn nicht kritisch und reflektiert mit Nachrichten jeglichen Ursprungs umgegangen wird, glaubt schnell, dass die in diesen spezifischen Chatgruppen geäußerten Meinungen objektiven Tatsachen entsprechen würden. Man lässt sich von scheinheiligen Argumentationsketten überzeugen, klickt von einem Beitrag zum nächsten und ist plötzlich drin, in der Echokammer. Mit entsprechender Medienkompetenz kann man dem entgegenwirken.




Falschmeldungen lauern überall

Doch nicht nur im Digitalen wird ein kritisches Hinterfragen benötigt. Dass wir eigentlich schon immer Nachhilfe in Medienkompetenz brauchen, hat Rezo in seinem fabelhaften Video „Die Zerstörung der Presse“ verdeutlicht. Nicht nur die uns allen bekannte BILD-Zeitung veröffentlicht regelmäßig Falschmeldungen. Auch Klatschblätter, wie „Bild der Frau“ oder „Das neue Blatt“ verbreiten in hoher Auflage und regelmäßigen Abständen Fake News. Jemand aus dem Adel leide an einer unheilbaren Krankheit, eine Beziehung stehe vor dem aus... Teilweise widersprechen sich die Zeitungen auch gegenseitig. Das scheint nich zu stören. Klatschblätter werden zu Unterhaltungszwecken unreflektiert konsumiert. Somit legitimieren die Leser*innen nicht nur Falschmeldungen, Diffamierungen und Lügen, sie fördern diese durch ihren Kauf. Medienkompetenzen sind nicht erst seit der Digitalisierung relevant, sie waren es schon immer. Fake News werden überall verbreitet. Jedoch haben Menschen, die sich diese zu nutzen machen nun durch Internet und Smartphone die Möglichkeit gefunden, sich noch schneller in die Welt zu bringen.

Ich bin daher der Meinung, dass wir alle Nachhilfe in Medienkompetenz brauchen. Eltern gleichermaßen wie Lehrkräfte und Schüler*innen. Das Thema geht uns alle etwas an. Wir alle müssen kritisch und mündig dem scheinbar endlosen Informationsraum der digitalen Welt entgegentreten. Mit Medienkompetenz können wir Verschwörungstheorien, die uns allen gefährlich werden können, entgegenwirken.

Medienkompetenz

Doch was genau fordere ich, wenn ich sage „Medienkompetenz“? Der Mediendidaktiker Dr. Dieter Baake prägte den Begriff als "die Fähigkeit, in die Welt aktiv aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire von Menschen einzusetzen."[1] Dazu gehören (1) Medienkritik, (2) Medienkunde, (3) Mediennutzung, (4) Mediengestaltung. Die Ausführung der Begriffe ist hier ausführlich nachzulesen.

Zusammengefasst ist es wichtig, zu wissen, wie Medien funktionieren, wo Gatekeeper vorhanden sind, wo Algorithmen versteckt sind, was wie wo verbreitet wird. Es ist wichtig, kritisch an alle Medien heranzutreten: Wer schreibt hier eigentlich und warum? Gibt es dafür Belege? Wie nutze ich die Medien? Lese ich die Texte, (wann) teile ich sie? Überprüfe ich die Quellen? Was ist meine Rolle in dem digitalen Informationskonstrukt?

Rezos YouTube-Video ist mit seinem strukturierten Aufbau, seiner stringenten Argumentation und insbesondere seinem beeindruckenden Quellenverzeichnis ein tolles Exempel für einen kritischen Umgang mit Medien. Er verdeutlicht in seiner Medienkritik, worauf es ankommt: Quellenangaben und verlinkte Beiträge, auf die sich jeweils bezogen wurde, sind unumgänglich. Wurde die Behauptung begründet? Wo kommt sie her? Ein Alarmsignal für eine notwendige Überprüfung des Wahrheitsgehalts sollte sein, wenn der Artikel einfach nur ‚kritische’ Fragen, wie „Ist die Demokratie in Gefahr?“ stellt. Solche Fragen emotionalisieren ohne faktische Aussagen zu treffen. Das kann gefährlich werden. Gleichermaßen sind undefinierte zitierte Allgemeinheiten a la „Die Nutzer*innen finden, dass...“ ein Signal für Vernebelung. Denn wer genau ist das? Wo wurden sie befragt? Gibt es Nachweise? Ohne einen kritischen Blick kann man schnell davon überzeugt werden, dass es viele Menschen gibt, die entsprechend denken. Dann kann es ja vielleicht gar nicht so falsch sein.

Allgemein ist es immer wichtig, sich zu fragen: Warum wurde das gerade gepostet? Und von wem? Wer schreibt hier? Was ist seine/ihre Gesinnung, was ist die Motivation? Mit nur ein paar reflektierten Rückfragen und einem Blick auf Quellen und Bezüge kann schnell sichtbar werden, dass Hass und Unzufriedenheit Autor*innen dazu bewegt hat, einen Text zu schreiben, emotional aufzuhetzen, andere zu diffamieren. Mitdenken, klar und kritisch zu sein, kann Hetze, Verschwörung und Manipulation verhindern.

Im Netz gibt es viele tolle Seiten, die helfen, Medienkompetenzen zu schulen:

https://www.klicksafe.de/

Seit 2004 vermittelt klicksafe in Deutschland im Auftrag der EU-Kommission Internetnutzer*innen die kompetente und kritische Nutzung von Internet und Neuen Medien. Zielgruppengerecht werden Eltern, Pädagog*innen, Kinder und Jugendliche angesprochen. Es gibt sogar ein Top-Thema zum Umgang mit Medien in Corona-Zeiten.

https://www.schau-hin.info/

Der Medienratgeber für Familien informiert Eltern und Erziehende über aktuelle Entwicklungen der Medienwelt, über Möglichkeiten zur Information, Interaktion und Unterhaltung, aber auch Risiken wie Kostenfallen, Werbung, Datenlecks, Kontaktgefahren, Cybermobbing, exzessive Mediennutzung oder beeinträchtigende Inhalte wie Gewalt und Pornografie.

https://www.internet-abc.de/

Das Internet-ABC ist ein spielerisches und sicheres Angebot für den Einstieg ins Internet. Als Ratgeber im Netz bietet es konkrete Hilfestellung und Informationen über den verantwortungsvollen Umgang mit dem World Wide Web. Die werbefreie Plattform richtet sich mit Erklärungen, Tipps und Tricks an Kinder von fünf bis zwölf Jahren, Eltern und Pädagog*innen.

https://www.saferinternet.at/zielgruppen/

Die österreichische Seite Saferinternet befähigt zielgruppengerecht, Kinder, Jugendliche, Eltern, Pädagog*innen sowie Senior*innen für einen sicheren Umgang mit neuen Medien.

Ich appelliere daher an uns alle, von nun an Meldungen zu hinterfragen. Auch die des seriösen Journalismus. Ein kritischer Umgang muss in Zeiten der digitalen Informationsflut in Fleisch und Blut übergehen. Damit wir kontrollieren können, was die Medien mit uns machen. Und nicht umgekehrt. Wissen ist Macht. Und das gilt auch für das Wissen um Verschwörungstheorien und Fake News sowie ihren Strukturen und Formen.


[1] (Baacke 1996, S. 410).



Quellen:

Baacke, D.: Kommunikation und Kompetenz. In: Holtzbach, C., Kutsch, A. (Hrsg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2002. S. 34-37.

Baacke, D.: Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (Hrsg.). Medien Praktisch. 2/1996. S.410.

©2019 Clara Schaksmeier