• Clara Schaksmeier

Corona-Curriculum Teil 4/5 - Maßnahmen begründen

Aktualisiert: Juli 2

[Lange habe ich überlegt, in diesem Teil überhaupt direkt über Politik zu schreiben. Oftmals schwebten Gedanken, wie „Du bist zu uniformiert. Warum solltest du, Clara, Politik in deinem Blog ansprechen?“. Es stimmt, dass ich keine Politikexpertin bin. Als solche schreibe ich hier auch nicht. Ich schreibe als jemand, die es, wie wir alle, hautnah miterlebt, dass unser Leben aus den Fugen geraten ist. Und ich schreibe als Frau mit Bildungsherz, die sich viele Gedanken über die gegenwärtige Situation macht. Unentwegt frage ich mich, was wir in dieser Zeit lernen können, sollen und müssten. Mit ‚wir’ meine ich wir alle, Schüler*innen, Lehrkräfte und auch Politiker*innen]




Noch nie zuvor habe ich es erlebt, dass die Regierung so intensiv in das Alltagsleben eingegriffen hat, wie in der Corona-Pandemie. Ge- und Verbote[1], wie man sie sonst nur aus der häuslichen oder institutionellen Erziehung kennt, formen unseren Alltag neu. Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen, Verhaltensregeln, Ladenschließungen... Schlag auf Schlag wurden immer neue Maßnahmen verordnet, an die wir uns zu halten haben. Die Besprechung der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 22. März 2020 legte uns einen Regelkatalog vor, ohne die einzelnen Maßnahmen zu begründen. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erläutert die Maßnahmen nicht. Ich fühlte mich wie Alice im Wunderland, nur ohne Grinsekatze und Kaninchenbau. Warum? Ich verstand die Welt nicht mehr.


Wie bei Alice im Wunderland

Lewis Carolls Kinderbuchklassiker ist nicht ohne Grund von Abstrusitäten geprägt. Er zeigt durch Alices Augen, wie es sich anfühlt, in einem scheinbar wahllosen Regelkonstrukt agieren zu müssen. Die Geschichte spiegelt die "Unzuverlässigkeit von Logik und Rationalität in der Unzuverlässigkeit von Sprache und Kommunikation wider" (Lexe 2003, S. 102). Eine ähnliche Unzuverlässigkeit in der Kommunikation habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten im politischen Agieren wahrgenommen. Was wir in diesen Zeiten jedoch mehr denn je brauchen, ist eine klare Verständigung, in der Aussagen und insbesondere Maßnahmen begründet werden. Schüler*innen müssen dies schließlich auch tagtäglich tun. „Für eine volle Punktzahl, begründe deine Aussage umfassend.“

Und deswegen widme ich den vierten Teil des Corona-Curriculums der Begründung von Aussagen (durch Lehrkräfte) und von Maßnahmen (durch Politiker*innen). Nach und nach wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Doch nicht, ohne diesen an den Umgang mit der Pandemie angepasst zu haben. Sowohl Lehrkräfte als auch Politiker*innen gestalten das Leben zu Zeiten der Pandemie mit Maßnahmen neu. Sie bestimmen, wer wie sich wann sehen darf. Aber warum genau so? Zwei Haushalte dürfen sich im Privaten treffen, eine halbe Schulklasse im Schulbetrieb wiedersehen. Der Schulbetrieb muss wieder aufgenommen werden, genau wie das gesellschaftliche Leben (in Teilen). Aber mit Beschränkungen. Und warum genau mit diesen...? Ohne gedankliche Transferleistung, wirken viele Maßnahmen insbesondere in Zeiten der Lockerungen und/oder des zweiten Lockdowns jedoch arbiträr.


Politik und Erziehung geschehen durch Sprache

Ich appelliere hier deshalb an Lehrkräfte und Politiker*innen gleichermaßen. Eigentlich appelliere ich an jeden/jede, der/die eine Regel aufstellt. Autoritäten müssen Aussagen und Regeln begründen. Sprache formt unsere Alltagsrealität. Erziehung geschieht durch Sprache, “Sprache ist das eigentliche Handeln in der Politik” (Habeck 2018, S. 5). Auch Hannah Arendt verwies auf die Wichtigkeit von Sprache im politischen Agieren, indem sie „das Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick, ganz unabhängig von seinem Informations- oder Kommunikationsgehalt an andere Menschen“ mit „Handeln“ gleichsetzt (Arendt 1960, S. 11f). Um nicht in einem Wunderland aus Chaos zu enden, muss Sprache daher wohl überlegt, formuliert und begründet werden. Noch mehr, als sie es bisher schon wird. In Analogie zu Arendt und ohne parteipolitische Agenda gibt der Grünen-Chef Robert Habeck seinem Buch „Wer wir sein könnten: Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“ anregende Impulse über die Wichtigkeit von Sprache in der Politik.

“Nur wenn ich die Sprache jener um mich herum verstehe, kann ich mich in der Welt zurechtfinden, orientieren, zu Hause fühlen. Wenn ich sie nicht mehr verstehe, verliere ich die Orientierung.” (Habeck 2018, S.91f)

Warum und womit erklären Autoritäten am besten Ge- und Verbote? Ich möchte an dieser Stelle die Begründungen von Erziehungsstilen nutzen, um ein kleines „Begründungsgerüst“ aufzuzeigen, welches einem bei dieser Frage helfen kann. Die Unterteilungen in (1) anthropologische, (2) normative und (3) pragmatische Begründungen von Erziehungsstilen lassen sich meines Erachtens bestens auf die gegenwärtige Situation und auch auf die Begründung von Regeln und Maßnahmen übertragen. Vielleicht helfen sie ja dem/der einen oder anderen Leser*in, in Zukunft Regeln umfassender zu begründen.

Drei Ebenen einer Begründung

Der Kontext ist uns allen bekannt und wird im Maßnahmenkatalog auch beschrieben: „Die rasante Verbreitung des Coronavirus (SARS-CoV-2) in den vergangenen Tagen

in Deutschland ist besorgniserregend. Wir müssen alles dafür tun, um einen

unkontrollierten Anstieg der Fallzahlen zu verhindern und unser Gesundheitssystem

leistungsfähig zu halten. Dafür ist die Reduzierung von Kontakten entscheidend.“ (Besprechung der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 22. März 2020) Deswegen hagelte es an Ge- und Verboten. Doch reicht es aus, dass wir alle wissen, dass wir uns in einer Pandemie befinden? Ich finde nicht. Begründungen (nicht nur in Coronazeiten) bedürfen meines Erachtens drei Ebenen.

1) Regeln sollten sich am Wesen und insbesondere der Würde des Menschen orientieren. Da jeder Mensch das Recht auf Schutz und Unversehrtheit hat, können wir jede Corona-Maßnahme, die zur Reduktion der Infektionszahlen, getroffen wird, anthropologisch begründen.

2) Ge- und Verbote sind von normativer Art, weil sie das Zusammenleben regeln sollen. Sie orientieren sich an den Normen und Werten unserer Gesellschaft. Ich möchte diesen Punkt um wissenschaftliche Erkenntnisse erweitern. Auf diesen beruhen die meisten Corona-Maßnahmen. Die Wissenschaft, und insbesondere die Virologie, leistet gerade einen enormen Beitrag und formt unser Bild von einem coronakonformen Zusammenleben.

3) Am konkretesten wird es auf der pragmatischen Begründungsebene. Pragmatisch und situationsbezogene Begründungen sind auf Bundesebene schwer zu formulieren, sollten aber skizziert und für jeden individuell ausführbar sein. Regeln orientieren sich an direkten Aufgaben, Situationen und Problemen. Damit hier niemand in den Kaninchenbau fällt, wäre es wichtig, die Situation, die von der Maßnahme tangiert wird, zu schildern und die Einschränkungen darauf bezogen zu begründen.

Ein praktisches Beispiel

Um nicht nur in der Theorie zu bleiben, gehe ich die drei Begründungsebenen an Hand der Maßnahme VI aus dem Maßnahmenkatalog vom 22. März 2020 durch.

“Gastronomiebetriebe werden geschlossen. Davon ausgenommen sind die Lieferung und Abholung mitnahmefähiger Speisen für den Verzehr zu Hause.”

1) „Wir müssen alles dafür tun, um einen unkontrollierten Anstieg der Fallzahlen zu verhindern und unser Gesundheitssystem leistungsfähig zu halten. Dafür ist die Reduzierung von Kontakten entscheidend.“

2) Das RKI empfiehlt 1,5m Abstand, weil die Viren sich über Tröpfcheninfektion übertragen. „Die Beschränkung sozialer Kontakte soll Übertragungsketten und die Ausbreitung von SARS-Cov-2 in Deutschland verlangsamen. Ein Abstand von mindestens 1,5 Metern zu anderen vermindert das Risiko einer Übertragung von SARS-CoV-2. Das Virus wird vor allem durch direkten Kontakt zwischen Menschen (z.B. im Gespräch) durch kleine Tröpfchen übertragen. Ohne Gegenmaßnahmen steckt eine infizierte Person durchschnittlich zwei bis drei weitere Menschen an" (Robert-Koch-Institut) .Diese Abstände können in den meisten Gaststätten nicht eingehalten werden.

Menschengruppen in geschlossenen Räumen sind ebenfalls problematisch. „Eine Übertragung von SARS-CoV-2 durch Aerosole ist in bestimmten Situationen über größere Abstände möglich, z.B. wenn viele Personen in nicht ausreichend belüfteten Innenräumen zusammenkommen, der Mindestabstand unterschritten wird und es verstärkt zur Produktion und Anreicherung von Aerosolen kommt. Das passiert insbesondere beim Sprechen mit steigender Lautstärke,...“ (Robert-Koch-Institut) [2]

3) In Gastronomiebetrieben können nur selten die Mindestabstände gewährleistet werden. Es halten sich dort (zu) viele Menschen in einem Ort auf, die einen Übertragungsherd für das Virus bilden können. Die meisten Restaurants, Bars und Cafés haben geschlossene Räume. Sie sind aufgrund der Aerosole förderlich für die Verbreitung des Virus. Deswegen werden vorerst Gastronomiebetriebe geschlossen (Stand März 2020). Bei der Lieferung von Essen sowie bei der Mitnahme treffen nur wenige Personen für einen kurzen Moment aufeinander. Hierbei kann mit entsprechenden Vorkehrungen der Mindestabstand gewahrt werden.

Vielleicht scheint diese Aufschlüsselung für den/die eine*n oder andere*n profan und selbsterklärend. Meines Erachtens kann man hierbei jedoch nicht niederschwellig genug arbeiten. Die Begründungsebenen verzahnen und überlappen sich. Das Ausführen von Begründungen und Erläuterungen ist arbeitsintensiv. Vielleicht haben Entscheidungsträger*innen deswegen oft darauf verzichtet. Insbesondere bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich allerdings um immer wiederkehrende Aspekte. Ein strukturierter „Begründungs- oder Erkenntniskatalog“ könnte mit kurzen Verlinkungen hier bereits mehr Verständnis ermöglichen. Ich bin davon überzeugt, dass umfassende Begründungen Klarheit, Verständnis und Sicherheit schaffen. Sie sorgen für mehr Verständnis und Akzeptanz und, davon bin ich überzeugt, für mehr Rücksichtnahme. Wenn eine Situation besser durchdrungen und verstanden wurde, fühlt man sich nicht zu etwas gezwungen. Deswegen müssten Regeln von unseren Autoritäten begründet werden. Immer und überall.

„Politisch zu sein, in einer Polis zu leben, das hieß, dass alle Angelegenheiten vermittels der Worte, die überzeugen können, geregelt wird, und nicht durch Zwang oder Gewalt.“ (Arendt, 1960 S. 12)

Ob wir jemals eine Politik, die begründet, haben werden, lässt sich nicht absehen. Doch wir alle können bereits jetzt im Kleinen etwas tun. Insbesondere in der Schule. Lehrkräfte können niederschwellig und ohne großen Aufwand Schulregeln und ihr Agieren im Unterricht anhand der drei Ebenen begründen ausführen und transparent machen. Klarheit und Sicherheit nehmen das Gefühl des nicht nachvollziehbaren Zwangs. Kinder, die Lehrkräfte, die transparent begründen, als Vorbilder hatten, können ihr Verhalten entsprechend ausrichten.

Quellen:

Arendt, Hanna: ‚Der Mensch, ein gesellschaftliches oder ein politisches Lebewesen’ in Mensch und Politik. Reclam: 2017.

Habeck, Robert: Wer wir sein könnten: Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. Kiepenheuer&Witsch 2018.

Lexe, Heidi: Pippi, Pan und Potter. Zur Motivkonstellation in den Klassikern der Kinderliteratur. Praesens: Verlag für Literatur-und Sprachwissenschaft 2003.

[1] Ich verwende in diesem Text Regeln, Ge- und Verbote sowie Maßnahmen synonym und beziehe mich damit auf Einschränkungen unseres alltäglichen Handelns durch politische Vorgaben. [2] an dieser Stelle habe ich Aspekte, wie Hygienemaßnahmen, Desinfektion von Oberflächen, Maskenpflicht für Personal etc. vernachlässigt und mich auf zwei wissenschaftliche Erkenntnisse beschränkt.

©2019 Clara Schaksmeier