• Clara Schaksmeier

Corona-Curriculum Teil 3/5 - Erörtern von Alltagsentscheidungen

Wir alle tragen Kämpfe aus in dieser surrealen Zeit. Wir alle machen Fehler, wir alle lernen dazu. In meinem Umfeld herrscht nach wie vor Chaos, Unsicherheit und Verwirrung. Das Leben, insbesondere von Familien, steht Kopf. Kaum eine*r kann die gefühlt tausenden föderalismusbedingten Auflagen und Regeln noch nachvollziehen. Wie wo was- und warum eigentlich? Es gibt Konflikte, weil Mitmenschen Lockerungen unterschiedlich interpretieren und umsetzen. Ist es okay, zum Lernen wieder in die Schule zu gehen? Was muss beachtet werden? Und dann sind da noch die Verschwörungstheorien, die auf einmal wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Was wir benötigen, ist mir in den letzten Tagen und Wochen deutlich geworden. Selbstorganisation, emotionale Kommunikation, Medienkompetenz bzw. kritisches Denken, klare Argumentationen und umfassende Begründungen von Maßnahmen. Ich frage mich, ob das nicht Verhaltensweisen sind, die wir hätten lernen müssen, um krisensicher zu sein? Hätte hätte Fahrradkette. Zumindest weiß ich jetzt, dass sie von nun an in jedes Curriculum gehören sollten. Kinder, Erwachsene, Lehrer*innen und Politiker*innen- das geht alle etwas an. Wir alle müssen mit und von dieser Krise lernen. Diese fünf Fähigkeiten dürfen dabei nicht fehlen. Fähigkeiten, die für mich zeitgemäße Bildung zu Zeit der Pandemie ausmachen.


TEIL 3: Argumente abwägen und Alltagsentscheidungen erörtern

Die Corona-Pandemie hat uns vor eine große Aufgabe gestellt. Mehr als jemals zuvor sind wir für das Wohlergehen und die Gesundheit unserer Mitmenschen verantwortlich. Es kann sein, dass wir den Virus bereits in uns tragen und ihn unbewusst verbreiten. Jede*r ist gefragt, umsichtig, rücksichtsvoll und bedacht zu handeln, um die Infenktionszahlen möglichst gering zu halten. Wir tragen mehr Eigenverantwortung denn je. Und deswegen müssen wir unsere Entscheidungen und unser Handeln gründlich abwägen. Fast jeder Alltagshandlung sollte meines Erachtens eine kleine Erörterung vorhergehen. Die staubige Textart aus dem Deutschunterricht sollte, mit neuer ultimativer Lebensrealitätsnähe, Einzug in das Corona-Curriculum erhalten.

Ja, es gibt gesetzliche Regeln. An diese müssen wir uns halten. Die Maßnahmen und Regulierungen der Regierung sind jedoch wechselhaft und bundesweit inkonsistent. Wenn es nach Bodo Ramelow ginge, sollten staatliche Verordnungen zum Teil aufgehoben werden und das Verhalten in Eigenverantwortung individuell und regional verhandelt werden. Jede Situation ist anders und bedarf einer eigenen Abwägung. Ich stimme dem bedingt zu. Wir benötigen individuelle Regelungen. Meines Erachtens können wir uns nicht einfach so auf einer unreflektierten Befolgung von außen definierten Regelungen und insbesondere der Lockerungen ausruhen. „Ist doch jetzt wieder erlaubt...warum also nicht?“ Wir alle müssen mitdenken und Situationen sowie Sachverhalte für uns selbst bewerten. Dazu zähle ich nicht, in Erwägung zu ziehen, Corona-Maßnahmen zu boykottieren! Im Gegenteil. Abstand halten, Mund und Nase bedecken, unsere Hände gründlich waschen und nach wie vor große Gruppen meiden wird unser neuer Alltag. Doch es gehört noch mehr dazu. Es ist wichtiger denn je, dass wir mitdenken und unser alltägliches Handeln bewusst vertreten können.

Lockerungen als Zeit der Herausforderung

Ich empfinde die Lockerungen als eine Zeit der Herausforderung. Was vor kurzem noch zum Schutz aller verboten war, ist jetzt wieder möglich. Theoretisch. Mit Auflagen und Einschränkungen. Wen darf ich wieder treffen? Unterricht in Gruppen, sowie mit dem ganzen Team in einem Büro sitzen ist wieder erlaubt. In der Freizeit sieht es anders aus. Was genau sind denn zwei Haushalte, die sich nun wieder treffen können? Was ist, wenn diese zwei Haushalte aus je fünf bis zehn Personen bestehen? Zwei Singlehaushalte sind nur zwei Personen, dann darf kein*e dritte*r dazu kommen? Ich kann jetzt wieder ins Restaurant gehen, will ich das? ... Ich persönlich finde das alles sehr schwierig. Auf der einen Seite sind da die wiedergewonnenen Möglichkeiten, auf der anderen Seite der erhobene Zeigefinger, die Infektionsraten, die mahnenden Worte „passt auf“. Das Wissen, dass vieles vor kurzem noch verboten war, schwebt noch über den Lockerungen. Verbote brennen sich schnell ein. Ich persönlich kann nicht einfach zurück in die Normalität. Und ich bin mir sicher, das geht vielen so. Doch was tun? Im Lockdown bleiben? Das komische Bauchgefühl überhören und einfach loslegen? Nein. Abwägen, überlegen und erörtern. Jede*r muss nun entscheiden, was im Rahmen der Lockerungen und des neuen Regelkatalogs für ihn/sie vertretbar ist. Und deswegen muss gelernt werden abzuwägen.

Was möchte ich tun? Was ist der Sachverhalt, was die Regelungen in dem jeweiligen Bundesland? Was spricht dafür, was dagegen? Welche Position gewinnt? Kann ich es vertreten, wie will ich mich verhalten? Wie begründe ich meine Entscheidung? Diese Fragen erscheinen irgendwie bekannt, oder? Richtig! Wir alle kennen die Struktur aus dem Deutschunterricht - die gute alte Erörterung. Ich finde, es wird Zeit, diese Textart und Denkstruktur aus der Ecke des Deutschunterrichts hervorzuholen! Die Erörterung muss wieder so oft es geht in den Unterrichts- und Lebensmittelpunkt gerückt werden. Wir müssen lernen, mit unserer großen neuen Eigenverantwortung umzugehen. Und das geht nur, indem wir Sachverhalte erörtern und abwägen.

Die dialektische Erörterung mit Realitätsbezug

Geschickt könnten Lehrkräfte nicht nur im Deutschunterricht betonen, dass Abwägungen wichtiger als je zuvor sind. Corona sei Dank haben wir hier einen Lebensrealitätsbezug par excellence. Es könnten Erörterungen zum Thema „Maskenpflicht“, „Besuch bei den Großeltern – ja oder nein?“, „Freizeitgestaltung zu Zeit der Pandemie“ oder oder oder verfasst und besprochen werden.

Beim Erörtern setzen wir uns mit einem Problem intensiv auseinander. Verschiedene Ansichten werden beleuchtet und Argumente gegeneinander abgewogen. Erst danach wird ein Urteil gefällt und sich für einen Standpunkt entschieden. Das bedarf einer entsprechenden Vorbereitung. Sich umfassend zu informieren, sei es im Internet oder im Gespräch mit Freund*innen und Angehörigen, ist wichtig. Mit einer fundierten Argumentationsgrundlage entscheidet es sich besser. In jeder Situation.

Der Schritt der Informationsbeschaffung ist elementar. Aus dem Bauch herausgesagte, mit Halbwissen untermauerte Entscheidungen zu treffen, kann gefährlich sein. Deswegen sehe ich die Schulen in der großen Verantwortung, immer wieder zu vermitteln, wie und wo man sich im Internet informieren kann. Kritisches Denken, Medien überprüfen und hinterfragen ist wichtiger denn je. Wer ist der Autor/die Autorin der Information? Was sind aufgezeigte Referenzen? Werden Informationen reflektiert und im Kontext dargestellt? Gibt es Quellen...? All das müssen Schüler*innen jeder Altersgruppe lernen. Immer und immer wieder.

Nach der Informationsbeschaffung folgt die Abwägung. Bei der dialektischen Erörterung werden die einzelnen Argumente gegeneinander abgewogen. Das kann im Sanduhrprinzp, also zunächst die eine und dann die andere Seite aufzeigend, oder aber abwechselnd geschehen. Im Idealfall steht das schwächste Argument am Anfang und das stärkste am Ende. Dies führt zum überzeugenden Schluss, der final begründet, warum man sich für oder gegen eine Sache entschieden hat. Das ganze klingt sehr theoretisch und trocken. Doch ich bin überzeugt, dass wir genau diese Grundlage brauchen, um kluge Entscheidungen zu treffen.

Mit ein wenig Übung können Alltagserörterungen Einzug in unser Leben erhalten. Wenn jede*r umsichtig und bedacht handelt, können wir es schaffen, die Infektionszahlen gering zu halten. Zum Üben habe ich ein kleines Arbeitsblatt erstellt. "Alltags-Erörterungen in Coronazeiten". Probiert es einmal aus und berichtet mir, ob es euch geholfen hat! Ich freue mich, von euch und euren Erfahrungen zu hören.


Quelle Virus-Clipart: https://creazilla.com/nodes/18643-virus-clipart


Hier könnt ihr es runter laden:


Corona-Erörterungpdf


©2019 Clara Schaksmeier