• Clara Schaksmeier

Corona-Curriculum Teil 2/5 - Emotionale Kommunikation, Empathie und Endstigmatisierung


Wir alle tragen Kämpfe aus in dieser surrealen Zeit. Wir alle machen Fehler, wir alle lernen dazu. In meinem Umfeld herrscht nach wie vor Chaos, Unsicherheit und Verwirrung. Das Leben, insbesondere von Familien, steht Kopf. Kaum eine*r kann die gefühlt tausenden föderalismusbedingten Auflagen und Regeln noch nachvollziehen. Wie wo was- und warum eigentlich? Es gibt Konflikte, weil Mitmenschen Lockerungen unterschiedlich interpretieren und umsetzen. Ist es okay, zum Lernen wieder in die Schule zu gehen? Was muss beachtet werden? Und dann sind da noch die Verschwörungstheorien, die auf einmal wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Was wir benötigen, ist mir in den letzten Tagen und Wochen deutlich geworden. Selbstorganisation, emotionale Kommunikation, Medienkompetenz bzw. kritisches Denken, klare Argumentationen und umfassende Begründungen von Maßnahmen. Ich frage mich, ob das nicht Verhaltensweisen sind, die wir hätten lernen müssen, um krisensicher zu sein? Hätte hätte Fahrradkette. Zumindest weiß ich jetzt, dass sie von nun an in jedes Curriculum gehören sollten. Kinder, Erwachsene, Lehrer*innen und Politiker*innen- das geht alle etwas an. Wir alle müssen mit und von dieser Krise lernen. Diese fünf Fähigkeiten dürfen dabei nicht fehlen. Fähigkeiten, die für mich zeitgemäße Bildung zur Zeit der Pandemie ausmachen.

TEIL 2- Emotionale Kommunikation, Empathie und Endstigmatisierung


Etwas Unbekanntes hat Einzug in unsere Welt erhalten. Ausgangssperren, Verbote, Infektions- und Todeszahlen. Wie gefährlich ist der Virus wirklich? Werden meine Lieben und ich uns anstecken? Was passiert mit meinem Job? Angst um Angehörige, Existenzen, das Weltgeschehen... – das Leben, wie wir es kennen, ist aus den Fugen geraten. Der individuelle Umgang mit Corona hängt nicht nur von äußeren Lebensumständen, sondern auch von der emotionalen Stabilität ab. Diese bei der alltäglichen Kommunikation zu berücksichtigen ist wichtiger denn je. Was für die einen nur „ein Treffen mit Freunden, ja gut, es sind halt 5, aber das macht doch nix“ ist, ist für die anderen gerade unverantwortlich, ja sogar angsteinflößend. Neue Konflikte entstehen. Wo früher in einer relativ heterogenen Gruppe, wie einer Schulklasse oder einem Freundeskreis, Konsens bestand, prallen nun Welten aufeinander. Der Alltag muss neu verhandelt werden. Wir müssen aufeinander zugehen, über Ängste sprechen, sie ernst nehmen und Rücksicht nehmen. Und deswegen sehe ich Empathie und emotionale Kommunikation als Schlüsselkompetenzen für zeitgemäße Bildung in der Pandemie. Emotionale Hygiene und Endstigmatisierung steht meines Erachtens vor binären Formeln und Passivkonstruktionen im Englischunterricht. Nur wer sich sicher fühlt, kann auch lernen.

Ängste sind vielfältig

Schon vor der Corona-Pandemie litten Menschen unter Angst. Angststörungen sind eine der häufigsten psychischen Krankheiten in Deutschland. Oft sind sie mit Scham behaftet und werden verschwiegen. In unserer Leistungsgesellschaft wird man schnell als schwach oder ‚kaputt’ deklariert, wenn man Ängste äußert.

Mit Covid-19 ist eine neue Welle der Angst über uns eingebrochen. Für emotional stabile Menschen ist diese Zeit bereits eine Zerreisprobe. Für Menschen mit einer Vorbelastung noch mehr. Angst ist subjektiv und kann/darf nicht bewertet werden. Sie hat viele Gesichter, gerade jetzt: zum Beispiel Angst vor Vereinsamung, vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus, Existenzangst, weil man nicht weiß, woher die nächste Miete kommen soll und von welchem Geld man Essen für die Familie kaufen kann oder aber Angst vor globalen Veränderungen. Die Angst wurde am sichtbarsten zu Beginn der Corona-Pandemie. Hamsterkäufe und irrationales Verhalten sind Äußerungen der Angst.

Spätestens mit der verhängten Ausgangssperre kam noch mehr Angst in unser Leben: Denn es wurde verdeutlicht, dass die unsichtbare tödliche Gefahr genau vor unserer Wohnungstür lauert. Bleibt drin, dann bleibt ihr sicher. Andere Menschen sind gefährlich. Doch ab und zu mussten/müssen und wollen wir raus. Damit einhergehend stellen sich viele Fragen. Wo ist die Gefahr? Auf der Türklinke, dem Einkaufswagen, in der Luft. Was ist richtig, was ist falsch? Wie gefährlich ist es wirklich, rauszugehen? Habe ich mich vielleicht schon infiziert? Die Person hinter mir kommt mir viel zu nah, oje, steckt er/sie mich an? Alle sehen so bedrohlich mit ihrer Maske aus...Oh Gott, wurde ich gerade angeniest? Wie viele Leute darf ich treffen? Kann jemand zu mir nach hause kommen? Was ist, wenn ich etwas falsch mache? ...

Emotionale Kommunikation im Klassenzimmer

Mit der Rückkehr zum Schul- und Arbeitsalltag finden sich nach und nach größere Menschengruppen wieder zusammen. Im Zuge dessen sehe ich es als elementar an, dass Lehrkräfte von nun an regelmäßig Ängste und Gefühle thematisieren. Ich weiß, dass sie keine Psycholog*innen oder Therapeut*innen sind. Ich fordere auch nicht, dass sie diese Tätigkeit ausführen. Jedoch sehe ich den Zeitpunkt gekommen, wo wir alle, auch Lehrkräfte und Schüler*innen, ganzheitlich im Fokus stehen müssen. Insbesondere mit unseren Ängsten und Sorgen. Schule ist kein Therapiezentrum, aber Schule ist ein Ort der Begegnung. Und wo sich Menschen in der Pandemie begegnen, müssen Ängste Beachtung erhalten und verhandelt werden.

Sei es in der Gruppe oder bilateral. Es ist wichtig alle im Raum zu fragen, ob die Anwesenheit im Unterricht für alle so in Ordnung ist. Fühlen sich alle sicher? Hat jemand vielleicht besondere Angst oder bestimmte Bedürfnisse? Wo sind Grenzen? Es muss ein geschützter Raum geschaffen werden, der einen Austausch eröffnet, in dem alle darüber sprechen können. Dies kann zu Beginn der neuen Unterrichtsphase stattfinden oder sogar zuvor per Mail. Vielleicht gibt es auch einen Schulpsychologischen Dienst, der dabei unterstützen kann.

Wie wir uns gegenseitig helfen können

Was für die eine okay, ist fühlt sich für den anderen wie eine Grenzüberschreitung an. Wir müssen uns unseren Grenzen bewusst werden, darüber reden und Konsens schaffen. Solch eine Art der Konsensbildung war schon immer für intime Beziehungen notwendig. Durch die verschobenen Paradigmen müssen jedoch nun auch Alltagssituationen neu verhandelt werden. Ich bin keine (ok, zugegeben, ich bin eine begnadete selbsternannte Küchenpsychologin, aber keine) Therapeutin. Dennoch würde ich gern teilen, wie ich mit meinen Ängsten (und ja, ich habe so einige!!!) umgehe.

· In mich selbst hineinhören und –fühlen: Wie geht es mir, was brauche ich, was macht mir Sorgen? Die eigenen Ängste und Sorgen annehmen und wertfrei akzeptieren.

· Andere mit ernsthaftem Interesse fragen, wie es ihnen geht und zuhören.

· Die Ängste der anderen ernst nehmen und wertfrei annehmen.

· Offen über die eigenen Ängste sprechen. Grenzen setzen.

· Vor Treffen oder Verabredungen diese beschreiben und fragen ob es so für den/die andere*n ok ist.

· Liebevoll verhandeln, wie man die Situation bestmöglich gestalten kann.

Wenn wir auf uns und aufeinander achten, Rücksicht nehmen und für uns selbst sowie für unsere Mitmenschen Verständnis zeigen, haben wir viel gewonnen. Es ist daher von großer Bedeutung, dass wir das Tabu der Angst brechen und lernen, darüber zu sprechen.

#Endthestigma

Unter dem Hashtag #Endthestigma teilen viele mutige Menschen ihren Umgang mit Angststörungen und psychischen Erkrankungen. Es gibt viele tolle Seiten, auf denen man sich über Angststörungen informieren kann. Dort findet man auch Tipps, wie man emotional sensibel kommuniziert:

· „Lets talk about Mental Health“ eröffnet einen digitalen Diskurs über psychische Erkrankungen. Insbesondere der Instagramkanal ist sehr schön aufbereitet.

· Dr. Janine Selle ist Verhaltenstherapeutin und hat das „Klemmbrett“ ins Leben gerufen. Aufklärungsarbeit und Endstigmatisierung sind ihre Herzenssache. Sie bietet tolle Buchtipps und Ratschläge.

· Der Instagram-Blog „Erklärungsnot“ von der Psychologiestudentin Dinah soll aufklären und zeigen, wie sich seelisches Leiden anfühlt

Wer unter großer Angst und Ratlosigkeit leidet, kann jederzeit das Corona-Angst-Krisentelefon kontaktieren. Das Angebot der Uni Tübingen stellt eine psychotherapeutische Beratung sowie stützende Krisenintervention zur Verfügung. Man kann sich dort außerdem umfassend informieren und alles im Zusammenhang mit Auswirkungen der Corona-Krise auf die psychische Gesundheit erfahren.

Offen und ohne Scham über Angst, Grenzen und Sorgen zu reden, ist wichtiger denn je. Wir müssen das Stigma aufheben und uns gegenseitig in dieser Situation Halt geben. Ich wünsche mir daher sehr, dass emotionale Kommunikation und Empathie als elementare Fähigkeiten angesehen und in der Schule vermittelt werden. Nur wenn wir uns selbst kennen und gut auf uns achten, können wir das auch für unsere Mitmenschen tun.



©2019 Clara Schaksmeier