• Clara Schaksmeier

Corona-Curriculum Teil 1/5 Selbstorganisation und Strukturierung

Aktualisiert: Mai 19

oder "Hätte hätte Fahrradkette-5 Fähigkeiten, die wir hätten lernen sollen, um in der Pandemie zu bestehen (Spoiler- es ist noch nicht zu spät!)"


Wir alle tragen Kämpfe aus in dieser surrealen Zeit. Wir alle machen Fehler, wir alle lernen dazu. In meinem Umfeld herrscht nach wie vor Chaos, Unsicherheit und Verwirrung. Das Leben, insbesondere von Familien, steht Kopf. Kaum eine*r kann die gefühlt tausenden föderalismusbedingten Auflagen und Regeln noch nachvollziehen. Wie wo was- und warum eigentlich? Es gibt Konflikte, weil Mitmenschen Lockerungen unterschiedlich interpretieren und umsetzen. Ist es okay, zum Lernen wieder in die Schule zu gehen? Was muss beachtet werden? Und dann sind da noch die Verschwörungstheorien, die auf einmal wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Was wir benötigen, ist mir in den letzten Tagen und Wochen deutlich geworden. Selbstorganisation, emotionale Kommunikation, Medienkompetenz bzw. kritisches Denken, klare Argumentationen und umfassende Begründungen von Maßnahmen. Ich frage mich, ob das nicht Verhaltensweisen sind, die wir hätten lernen müssen, um krisensicher zu sein? Hätte hätte Fahrradkette. Zumindest weiß ich jetzt, dass sie von nun an in jedes Curriculum gehören sollten. Kinder, Erwachsene, Lehrer*innen und Politiker*innen- das geht alle etwas an. Wir alle müssen mit und von dieser Krise lernen. Diese fünf Fähigkeiten dürfen dabei nicht fehlen. Fähigkeiten, die für mich zeitgemäße Bildung zur Zeiten der Pandemie ausmachen.




#1 Selbstorganisation und Strukturierung

Mit dem Lockdown ging es ab nach Hause. Das Esszimmer ist zum Büro umfunktioniert, das Kinderzimmer verwandelt sich in einen Ein-Personen-Klassenraum. Tagesstruktur und eingespielte Abläufe adé. Vom Aufstehen, dem Kaffee bei dem ersten Newscheck über den Weg in die Schule / zur Arbeit bis hin zum Nachmittagsprogramm und den Abendausklang – der Tagesablauf, wie wir ihn gewohnt sind, gibt es nicht mehr. Äußere Faktoren, wie Schul- und Arbeitszeiten haben unser Leben geprägt. Das Zeitgerüst ist aufgeweicht. Was bleibt, sind Verunsicherung und Überforderung. Wir brauchen Struktur! Und diese muss nun von innen kommen.

Tagesstruktur durch Stundenpläne adé

Stundenpläne zerfielen, Lehrpläne verknoteten, der Schulalltag verschwand. Was nun auf den heimischen Schreibtischen der Kinder und Jugendlichen liegt, sind endlose Aufgabenblätter und To-Do-Listen für die nächsten Wochen. Im „normalen“ Schulleben wurde der Lernstoff innerhalb eines Vormittags wohl dossiert und in Unterrichtsstunden und Fächer strukturiert abgearbeitet. Nun knallt er mit einer Mail herein. Und überfordert. Eine Woche Bearbeitungszeit für x Aufgaben. Wann, wie, wo diese erledigt werden, ist selten erläutert. Und das ist das Problem. Auf einmal gibt es keine richtige Freizeit mehr. Obwohl ja irgendwie gefühlt immer frei ist. Oder auch nicht? Viele Kinder in meinem Umfeld reagieren mit Schockstarre, Antriebslosigkeit und Stress. Kinder haben in der Regel nicht gelernt, ihren Tag selbst zu gliedern und Aufgabenpakte nach und nach zu bearbeiten.

Ich sehe hier die Schule in der Verantwortung, die fehlende Struktur aufzufangen. Durch Handlungsempfehlungen für einen strukturierten Lerntag zuhause zum Beispiel. Oder durch konkrete Zeitangaben auf den Aufgabenblättern. Wie lange sollen die Lernenden maximal für jede Aufgabe benötigen? Von wann bis wann soll diese Aufgabe bearbeitet werden? Auch eine Online-Betreuung zu Unterrichtszeiten könnte Struktur bringen. Jedoch bin ich mir bewusst, dass dies aus verschiedenen Gründen oftmals nicht möglich ist.

Gute Selbstorganisation

Schüler*innen, genau wie Erwachsene, die sich selbst organisieren können, haben einen Vorteil. In diesen Zeiten hilft es, einen klaren inneren Plan zu haben. Zu wissen, wann welche Aufgabe zu machen und wann wirklich frei ist. Für eine gute Selbstorganisation (im Homeschooling, wie im Homeoffice) sind folgende Dinge wichtig:

1) Klare Ziele für den Tag formulieren

Was will ich heute erreichen? Welche Aufgaben muss ich bearbeiten?

2) Einen Zeitplan erstellen: Was mache ich wann (und ab wann lasse ich es bleiben)

3) Pausen machen

4) Abhaken, was erledigt ist

5) Danach frei haben

Um Überforderung und Stress entgegenzuwirken sehe ich daher eine große Notwendigkeit darin, dass Selbstorganisation und Strukturierung spätestens jetzt als elementare zu lernende Fähigkeiten anerkannt und vermittelt werden. Denn es sind nur einfache Handgriffe und Herangehensweisen, die große Veränderungen hervorbringen können.



Linktipps für Lehrkräfte und Eltern

  • Die Karrierebibel fasst das Thema noch einmal wunderbar zusammen und erläutert im Detail wichtige Aspekte zum Thema Selbstmanagement.

  • Vom aufgeräumten Schreibtisch über die Berücksichtigung des Biorhythmus bis hin zur simulierten Prüfung - Der Herloé-Rageber gibt 20 Tipps für einen organisierten Schulalltag

  • Der Stern hat Expert*innen gefragt, was Eltern tun können, um ihre Kinder zuhause zu unterstützen. Auch dieser Beitrag ist sehr lesenswert.


Strukturierter Medien- und Nachrichtenkonsum gehört dazu

Wenn wir es dann auch noch schaffen, nur punktuell und zu festgelegten Zeiten neuen, und in diesen Tagen oftmals aufwühlenden, Input durch Nachrichten in unseren Tag hereinzulassen, dann haben wir viel an Stärke und Halt gewonnen.

Mir hilft es, nur noch zwei Mal am Tag in die Nachrichten zu schauen. Zu Beginn der Pandemie habe ich fast im Minutentakt den Newsfeed aktualisiert und mich durch alle Portale geklickt. Wie in einen Sog gezogen, habe ich mich darin verloren. Die ersten Tage zuhause ohne Struktur, mit steigenden Infektionszahlen und Horrobildern aus Italien und der Welt, waren furchtbar. Ich glaube, es ging vielen so. Erst durch Disziplin, Selbstorganisation und einen strukturierten Medienkonsum habe ich mich wieder einigermaßen fangen können.

Wir alle geben unser bestes, gut durch diese Zeit zu kommen. Manchmal klappt es besser, manchmal nicht. Aber mit einer Struktur können wir uns, und davon bin ich überzeugt, durch diese Krise hangeln. Ich wünsche mir daher sehr, dass Selbstorganisation und eine gute Strukturierung des eigenen Arbeitens als elementare Fähigkeiten angesehen und als notwendige Kompetenzen in der Schule vermittelt werden. Denn wenn äußere Strukturen zerfallen, ist es wichtig innere zu haben.

©2019 Clara Schaksmeier