• Clara Schaksmeier

5 Gründe, warum progressive Pädagog*innen "Teaching to Transgress" von bell hooks lesen sollten

bell hooks wurde in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum immer bekannter. Da gibt es "All about Love", "Feminismus für alle" und viele weitere sehr empfehlenswerte Titel. Ihre pädagogischen Gedanken haben jedoch bisher kaum Berücksichtigung hier gefunden. Dabei sind zahlreiche Impulse in „Teaching to Transgress", dem ersten Werk ihrer Bildungs-Trilogie, grundsteinlegend für eine diversitätssensible und ganzheitliche Pädagogik. Ihre Texte würden den Literaturkanon für (angehende) Lehrkräfte enorm bereichern. Nicht nur, weil sie ihn um die Stimme einer Schwarzen Frau erweitern würden.

Hier sind 5 Gründe, warum progressive Pädagog*innen "Teaching to Transgress" unbedingt lesen sollten. [1].



Bevor es losgeht - Wer ist bell hooks?

bell hooks (1952-2021) steht als Schwarze Feministin für einen ganzheitlichen und hoffnungsvollen pädagogischen Ansatz, den sie als ‚Praxis der Freiheit’ bezeichnet. Die kürzlich verstorbene Literaturwissenschaftlerin und Autorin aus den Vereinigten Staaten erforschte intersektionale Diskriminierung und die daraus entstehenden hegemonialen Systeme. Ihre Pädagogik hat das Ziel, alle Lernenden zu empowern, indem sie gemeinsam auferlegte soziale Grenzen reflektieren und ein kritisches Verständnis der Welt entwickeln. Hier erfahrt ihr mehr über sie.


Aber nun zu den fünf Gründen, warum "Teaching to Transgress" so lesenswert ist:


1) Die Forderung nach einer ganzheitlich gedachten Rolle der Lehrkraft und der Mind/Body-Split


„Ganzheitlicher Unterricht ermöglicht auch ein Wachstum der Lehrkraft“


hooks denkt Bildung ganzheitlich. In Lernkontexten nach ihrem Verständnis geht es nicht nur um die Wissensvermittlung. Ihre Aufgabe als Lehrperson ist es, „nicht nur, Wissen zu teilen, sondern zu dem intellektuellen und spirituellen Wachstum unserer Lernenden beizutragen“. Bei ihrer Lehr- und Beziehungsarbeit haben die Gefühle und Erfahrungen aller einen Platz. Das gilt für Lernenden und Lehrenden gleichermaßen. Auch die Begeisterung und Leidenschaft für das Thema oder Fach, spielen bei hooks eine zentrale Rolle. Lernen soll Körper, Geist und Seele umfassen und wechselwirkend zwischen Lehrernden und Lernenden stattfinden.


"Ein Teil des Luxus und des Privilegs der Rolle der Lehrperson besteht heute darin, dass von uns keine Selbstverwirklichung verlangt wird", kritisiert hooks. Insbesondere bei der Ausbildung privilegierter Autoritäten, wie Lehrpersonen, wird dem Streben nach Persönlichkeitsentfaltung sehr wenig bis gar keine Notwendigkeit zugesprochen. Ausschließlich der Status einer Person zählt. Ein Lehrer oder Professor kann ein impulsiver Tyrann sein, eine Schulleiterin, eine unverschämte Gesprächspartnerin - wenn er oder sie fachlich kompetent ist, wird alles weitere nicht hinterfragt bzw. einfach hingekommen. hooks nennt dies 'Mind/Body-Split'. Die Persönlichkeit, der Körper und die Haltung einer Person werden in professionellen Kontexten häufig vernachlässigt, wobei diese für eine ganzheitliche Pädagogik unumgänglich sind.


Ich finde es bemerkenswert, dass ich in meiner Lehrer*innenausbildung tatsächlich keine Möglichkeit erhielt, meine Persönlichkeit, Biografie oder meinen Körper zu reflektieren. Das gleiche gilt für meine Privilegien. Im Studium der Sozialen Arbeit findet zum Beispiel eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Person, insbesondere der Biografie statt. Solch ein Vorgehen würde ich mir auch für die Lehramtsausbildung wünschen.



2) Paulo Freires ‚Bankiers System’ und seine Kritische Pädagogik


"'Gehört der Unterricht mehr den Lehrer*innen als den Schüler*innen?“


bell hooks Lehre entspringt der Tradition der Kritischen Pädagogik. Gründer dieser Bewegung is der brasilianische Autor und Philosoph Paulo Freire. Freire prägte hooks in ihrer Arbeit maßgeblich. Zwar kritisiert hooks Freire für seine zum Teil unfeministischen Positionen, dennoch überträgt sie seine Kerngedanken in ihre Arbeit. Sie schätze ihn als Mensch und stand in engem Austausch mit ihm.


In seinem Werk „Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit“ beschreibt Freire das gängige Schulsystem als ‚Bankiers System’, in welchem die Lehrperson als aktives Subjekt den passiven Schüler*innen Wissen hinterlegt. Quasi so, als wenn man Geld (Bildung ist schließlich etwas Wertvolles) auf ein Konto einzahlt. Die Lernenden können systembedingt nichts anderes tun, als das Wissen anzunehmen, zu verinnerlichen und (bei den Prüfungen) zu wiederholen. Die Bedürfnisse der Lernenden und deren Lebensrealitäten werden kaum bis gar nicht im Unterrichtsalltag miteinbezogen, was zu einem drastischen Machtgefälle im Klassenzimmer führt. hooks übernimmt Freires Verständnis von Machtverteilung in Lehr- und Lernkontexten. Es ist ihr zentrales Bestreben, dieses Ungleichgewicht aufzubrechen.


„Am Ende ist das, was die Lehrkraft sagt, das, was zählt.“ (hooks)


Kennt ihr eine Didaktik bzw. einen pädagogischen Ansatz, der das Machtgefälle innerhalb des Klassenzimmers thematisiert oder versucht, es aufzubrechen? Auch nicht? Ein Grund mehr, hooks zu lesen und sich mit Paulo Freire zu beschäftigen. Hier erfahrt ihr mehr über Freire.




3) Verteilung von Verantwortung im Unterricht


„Das ist der Unterschied, den Bildung als Praxis der Freiheit ausmacht. Die Grundvoraussetzung muss sein, dass jede*r im Klassenzimmer in der Lage ist, verantwortungsvoll zu handeln.“


Um dem Schema des ‚Bankiers System’ entgegenzuwirken, verteilt bell hooks die Verantwortung für das Gelingen des Unterricht auf alle Beteiligten. Im Vorfeld eines Kurses bespricht sie die Machtverteilung im Lernraum und verweist auf die Pflicht aller. Bei dieser Diskussion berücksichtigt sie nicht nur das Lehrer*innen-Schülerschaft-Gefälle, sondern auch die Hegemonien innerhalb der Lerngruppe.


hooks gesteht ein, dass es schwer sei, als Lehrperson die Verantwortung in einem so hohen Maße abzugeben. Dies muss, genau wie das Aushalten von Konflikten, geübt werden. Pädagogik, in der alle Lernenden miteinbezogen werden und die Beziehungsarbeit elementar ist, ist anstrengend und frustrierend. Manchmal kann es sogar sein, dass Lerneffekte sich erst Jahre später zeigen. So kann eine Kultur des Redens, Zuhörens und Aushaltens nicht direkt in der nächsten Klausur abgefragt werden, sie ist jedoch für das Leben der jungen Menschen enorm wertvoll.


Tatsächlich braucht diese Pädagogik ein neues Benotungssystem in welchem die Lernenden zu aller erst davon befreit sind, es stets der Lehrkraft recht machen zu wollen. Auch eine Entkopplung des (schulinternen) Curriculums müsste geschaffen werden, damit wirklich freiheitlich gelernt werden kann. Der Schweizer Erziehungswissenschaftler Phillipe Wampfler fordert in seinem aktuellen Buch genau dies, eine Schule ohne Noten.



4) Konkrete pädagogische Handlungsansätze für ein diverses Klassenzimmer


„Lehrer*innen müssen den Mut haben, zu akzeptieren, dass es nicht nur einen Weg gibt, ein Fach zu unterrichten. Sie müssen lernen, auf eine Art und Weise zu unterrichten, die mehrere Perspektiven berücksichtigt.“


bell hooks gibt konkrete Handlungsansätze für diverse Klassenzimmer. Sie kritisiert, dass es oftmals weiße, als universell angesehene Wertesysteme sind, die im Unterrichtskontext als Norm gelten. Deshalb fordert sie, die Integration von Unterrichtsmaterial und Texten marginalisierter Stimmen in das Curriculum, um den weißen und männlichen Kanon zu durchbrechen.

Hierzu kann ich Nicole Seiferts Buch „Frauen Literatur“ sehr empfehlen, welches sich für mehr weibliche Stimmen im deutschen Literaturkanon einsetzt.


Alle Lernenden erhalten bei hooks eine Stimme. Jeoch sprechen sie immer nur für sich selbst. hooks weißt darauf hin, dass sie als Lehrperson marginalisierte Schüler*innen nicht als Sprechende für eine ganze Personengruppe befragt. Jede*r ist nur in der Lage, ausschließlich über sich selbst und die eigenen individuellen Erfahrungen zu sprechen.


Auch zum Umgang mit Mehrsprachigkeit äußert hooks sich konkret. Sie reflektiert über die Hoheitsgewalt von Standard-Englisch und die daraus entstandene Abwertung anderer Sprachen oder Slang. Ihre Lernenden ermutig sie, wenn nötig, im Unterricht zunächst ihre Erstsprache zu nutzen und dann den Text oder die Ideenzu übersetzen, sodass alle die größt mögliche Freiheit im Denken erhalten.

Olga Grjasnowa hat zu diesem Thema weitere kluge Gedanken in ihrem Buch „Die Macht der Mehrsprachigkeit“ zu Papier gebracht.



5) Die Kraft der persönlichen Erfahrung


„Ich kann einen möglichen Machtmissbrauch umgehen, indem ich pädagogische Strategien in den Unterricht einbringe, welche die Anwesenheit und das Recht [marginalisierter Stimmen], sich zu verschiedenen Themen zu äußern, auf vielfältige Weise bekräftigen.“


hooks schwört auf die Einbeziehung von persönlichen Erfahrungsberichten. Nicht nur ihn ihren Texten, sondern auch in ihrer Lehre. Innerhalb ihres demokratischen Lehrsettings ermutigt sie immer wieder, den Bezug zur eigenen Erfahrung herzustellen, um so die unterschiedlichen Lebensrealität und Gedanken aller Lernenden anzuerkennen und wertzuschätzen. Anders als Fachwissen, welches ggf. nur bestimmten Personen(gruppen) zugänglich ist, haben alle persönliche Erfahrungen, die sie teilen können, sofern sie dies möchten.


Die Verknüpfung von persönlichen Narrativen mit dem Unterrichtsthema hilft, dass jede*r einen Zugang zum Unterricht erhält. Allen, insbesondere marginalisierten Stimmen, wird die Möglichkeit gegeben, Raum einzunehmen und sich zu äußern. Die Erfahrung jede*r Person ist in diesem Kontext, meist ist es eine tiefgehende Diskussion, gleichwertig und berechtigt. hooks räumt den persönlichen Austauschrunden viel Raum ein, praktiziert respektvolles Zuhören, bedachtes Reden sowie demokratisches Aushandeln. Es geht nicht um Inhalte, sondern darum, dass ungehörte Stimmen laut(er) werden und dass ein allseitiges Verständnis aufgebaut wird.




Hoffen auf eine deutsche Übersetzung


hooks Gedanken bestärken mich in meinem Wunsch nach einer ganzheitlichen und diversitätssensiblen Pädagogik und mehr neu gedachten Lernräumen (wie, Achtung Werbeblock, dem Street College). Sie verdeutlichen mir, dass die gängige Pädagogik noch weit von einem diskriminierungsfreien Unterricht entfernt ist und das deutsche Lehramtscurriculum alles andere als divers aufgestellt ist, obwohl wir diese didaktischen Ansätze dringend brauchen. Momentan gibt es „Teaching to Transgress“ nur auf Englisch. Hier findet ihr das Buch als pdf: https://sites.utexas.edu/lsjcs/files/2018/02/Teaching-to-Transcend.pdf


Ich hoffe sehr, dass bald ein deutscher Verlag ihre wertvollen Gedanken übersetzen wird, damit möglichst viele Lehrende von ihr erfahren.


[1] Hooks lehrte an Hochschulen bzw. Universitäten und bezieht sich in ihrer Pädagogik auf die Lehre von Studierenden. Ich sehe ihre Ansätze jedoch auch auf den deutschen schulischen Kontext anwendbar. Insbesondere in der Sek II sind ihre pädagogischen Ansätze umsetzbar.



Quellen:

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Bell_hooks#/media/File:Bellhooks.jpg

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